Weshalb Ärzte im OP grün sehen

Aus Arztserien und vielleicht aus eigener Spitalerfahrung kennt man es: Im Operationssaal trägt das medizinische Personal grüne Kittel und auch das Operationstuch ist grün. Auf der Station tragen Ärzte und Schwestern aber in der Regel Weiss. Wie kam's zu diesem farblichen Unterschied?

Dass Operationskleider und Operationstücher grün sind, hat einen einfachen Grund: Damit soll der sogenannte «Nachbildeffekt» verhindert werden. Schaut man nämlich lange und konzentriert auf eine rote Fläche und danach auf eine weisse, nimmt man dort eine Weile lang einen grossen grünen Fleck wahr.

Solch ein komplementärfarbenes Nachbild würden auch Chirurgen sehen, die vom blutigen Operationsfeld wegschauen – und nicht wenigen würde es dabei übel. Auf einem grünen Untergrund kommt der Effekt hingegen praktisch nicht zum Tragen: Der grüne Fleck verliert sich im Grün des Operationstuchs, der Kleider und der Grüntöne überhaupt im Raum.

Auch eine Frage der Hygiene

Das Grün hat aber noch eine weitere wichtige Funktion: Es zeigt auch, dass die Kleider der Anwesenden nicht schon auf der Station getragen wurden. Vor einer Operation steht ein Kleiderwechsel an, denn im OP-Saal ist Sterilität höchstes Gebot. Wer sich nicht umzieht, könnte Keime einschleppen – würde dank der weissen Stationskleidung allerdings sofort auffallen.

Auch auf der Station hat Hygiene einen hohen Stellenwert. Diese Erkenntnis hat sich allerdings erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts durchzusetzen begonnen, als der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis herausfand, dass weniger Frauen am Kindsbettfieber starben, wenn sich der Ärzte die Hände mit Chlorkalk desinfizierten.

Ignaz Semmelweis: Entdecker der Hygiene

29 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 28.07.2012

Damals war es auch noch üblich, dass Militärärzte in ihren dreckigen Uniformen operierten und zivile Ärzte im Gehrock, mit dem sie den ganzen Tag unterwegs waren – zuhause, auf der Strasse, in der Leichenhalle und im ganzen Spital. Vom Gehrock trennte man sich allerdings nur ungern, denn das Kleidungsstück hatte etwas Würdiges und Respekteinflössendes an sich.

Weisse Kittel kamen erst gegen Ende des 19. Jahrunderts auf. Zu jener Zeit begann man, nach jeder Operation und nach jeder Untersuchung die Hände gründlich zu waschen. Und man hatte herausgefunden, dass Bakterien und Krankheitserreger durch hohe Temperaturen abgetötet werden können. Das Operationsbesteck wurde sterilisiert und der Gehrock wurde definitiv aus der Nähe der Patienten verbannt. Stattdessen bekamen die Ärzte weisse Kittel, die man im Gegensatz zum Gehrock bei der Reinigung auskochen konnte. Ein praktischer Hygienevorteil, der den gefühlten Prestigeverlust bei Weitem aufwog – zumal «Götter in Weiss» besser klang, als es «Götter im Gehrock» je getan hätte.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 10.04.2017 21:05

    Puls
    Spitalhygiene: Der Kampf gegen die ansteckende Fahrlässigkeit

    10.04.2017 21:05

    Geschätzte 600 Todesfälle pro Jahr wären vermeidbar, würden einfache Hygienemassnahmen an Spitälern konsequent umgesetzt. «Puls Spezial» berichtet darüber, wie der Kampf gegen die ansteckende Fahrlässigkeit geführt wird – und wieso er so schwierig ist.