«Das sind Momente, die sich einbrennen»

Kameramann Matthias Gruic begleitete für die Serie «Die Weltverbesserer» Flüchtlingshelferin Vanja Crnojevic Anfang März nach Idomeni. Angesicht der katastrophalen Zustände im Flüchtlingslager wurde Gruic nach Drehschluss selbst zum Flüchtlingshelfer. Nur zu dokumentieren, war für ihn unmöglich.

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Unterwegs zum Arzt

0:41 min, vom 25.11.2016
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Matthias Gruic arbeitet seit 1999 als Kameramann für SRF. Seine Arbeit führt ihn oft ins Ausland wie nach Gaza, Pakistan, Mozambique, Burma, Kongo, Uzbekistan etc. Für «Die Weltverbesserer» ist er erstmals als VJ im Einsatz.

Ich wusste, welche Bilder mich erwarten würden, als ich im Flüchtlingslager Idomeni spontan für einen Kollegen einsprang. In meinem ersten VJ-Einsatz habe ich dort für «DOK» die Schlieremer Flüchtlingshelferin Vanja Crnojević während fünf Tagen begleitet. Bedenken oder Berührungsängste hatte ich keine. Beruflich bin ich regelmässig in Krisengebieten oder anderen Kulturkreisen am Drehen. Auf meine Reportage-Erfahrung und auf meine Intuition kann ich mich verlassen.

Dokumentieren und helfen

Doch in Idomeni kam ich erstmals in eine Situation, in der die Menschen hinter dem Sucher Soforthilfe brauchten. Hilfe, die ich oder jeder andere vor Ort, einfach und unmittelbar leisten kann. Klar, grenzen wir Medienschaffende uns ab und dokumentieren in erster Linie, was passiert. Doch nachdem ich gefilmt hatte, wie sich ein junger Rollstuhlfahrer im Regen über ein verschlammtes Feld Richtung Camp quälte, habe ich ihn ins Auto gepackt und dorthin mitgenommen. Bei einem Verkehrsunfall würde man auch erste Hilfe leisten.

Blick durch den Sucher: Flüchtlingskind in Idomeni Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Blick durch den Sucher: Flüchtlingskind in Idomeni SRF

Menschenwürde

Tausende Menschen schlafen draussen auf dem verschlammten Feld. Feuer und Rauch überall. Solange man arbeitet, verdrängt man. Sobald man zur Ruhe kommt, ist man am angreifbarsten. Auch für die eigenen Emotionen. Nach einem Nachtdreh zum Beispiel habe ich mich einmal mit Vanja ans Feuer gesetzt. Dort sass ein junger Familienvater, ohne Zelt und ohne Essen. Vanja fragte ihn, ob sie ihm etwas bringen könne. Er lehnte ab – alles, was er wolle, sei nicht wie ein Tier behandelt zu werden und seine Würde wiederzuerlangen. Das sind Momente, die sich einbrennen.

Vanja Crnojević am Bancomaten Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spendengelder für Soforthilfe: Vanja Crnojević am Bancomaten SRF

Effiziente Soforthilfe via Bancomat

In Idomeni habe ich auch gelernt, wie man effiziente humanitäre Hilfe im Kleinen leisten kann. Auf dem Schlammfeld dort gibt’s ja nichts zu kaufen – sofern die Menschen überhaupt noch Geld haben. Der nächste Supermarkt liegt 20 Autominuten entfernt in Mazedonien. Dort zieht Vanja zuerst am Bancomat das eingegangene Spendengeld. Danach geht es zu Lidl & Co bis der Wagen bis zum Anschlag mit Essen, Medikamenten, Hygieneartikeln, Schuhen, Kleidern und Regenschutz gefüllt ist. Wichtig ist, dass das Essen für arabische Mägen verträglich ist. Viele Babys hatten zum Beispiel wegen der Umstellung auf das mazedonische Milchpulver Durchfall.

Vanja Crnojević und Kameramann Matthias Gruic Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vanja Crnojević und Kameramann Matthias Gruic SRF

Nach Drehschluss mit anpacken

Verteilt wird nachts und eher im Versteckten. Ein weithin sichtbarer Stand wäre zu gefährlich, würde sofort überrannt werden. Klar, habe ich nach Drehschluss auch mit angepackt. Das musste ich auch für meinen Seelenfrieden machen. Wenn man nachts 20 Kilometer entfernt im Hotelbett liegt und weiss, dass jetzt Mütter mit Babys, Schwangere und hunderte Familien in Regen und Kälte unter offenem Himmel schlafen... Deren Willen und Stärke sind beeindruckend. Ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft ebenfalls. Inmitten von Schlamm, Rauch und Feuer bieten sie dir einen Tee an und bitten dich, Platz zu nehmen – auf einer für «Gäste» bestimmten Plastiktüte.

Emotionale Aussagen und Bilder

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«Die Weltverbesserer»

Alles zu den Protagonisten und den 5 Folgen.

Persönliche Hilfe und Anteilnahme stellen auch Vertrauen her, das mir wieder beim Drehen zugute kam. Ich bekam viel mehr, als wenn ich nur kurz das Mikrophon hingehalten hätte, bekam Aussagen und Emotionen, die sich im Film bis zum Zuschauer transportieren lassen.

An Open Airs werde ich sicher so schnell nicht mehr gehen. Zu stark hat sich mir das Bild eines Feldes voller Menschen und Zelte mit Elend und Not eingeprägt. In meinen Träumen bin ich manchmal noch in Idomeni. Vielleicht fahre ich privat nochmals hin. Denn für Flüchtlinge engagieren werde ich mich in Zukunft auf jeden Fall – finanziell und persönlich. Griechenland liegt ja nur zweieinhalb Flugstunden entfernt.

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