Tochter aus reichem Haus, Revolte gegen die herrische Mutter, Kampf für die Ärmsten, Kommunistin, DDR-Ehrenbürgerin: Das Leben der 1874 geborenen Mentona Moser war voll von jähen Wendungen.

Eveline Hasler, die knapp 86-jährige Schweizer «Grand Old Lady» des historischen Romans, zeichnet die Biografie dieser aussergewöhnlichen Frau in ihrem neuen Werk «Tochter des Geldes» chronologisch nach.

Dominante Mutter

Mentona Moser wuchs nach dem frühen Tod des Vaters zusammen mit der älteren Schwester bei der Mutter auf. Geld gab es in der Familie zuhauf. Der Vater, ein Uhrenfabrikant, hatte seiner Gattin ein beträchtliches Vermögen hinterlassen.

Die Mutter aber war herrschsüchtig und von einem geradezu pathologischen Geiz getrieben, auch den Töchtern gegenüber.

Eveline Hasler schildert Mentona Mosers konfliktgeladene Beziehung zur Mutter sprachlich zurückhaltend, aber präzise. Die Abneigung der späteren Sozialistin gegen die Macht des Kapitals wird fassbar. Ebenso ihr Kampf, gegen den Willen der Mutter den eigenen Weg zu gehen.

Rätselhafte Motive

Anderes lässt der Roman jedoch offen. Leider. Etwa, woher die krankhafte Knauserigkeit der Mutter überhaupt kam. Oder später im Roman: Weshalb ging Mentona Mosers Ehe mit einem Zürcher Beamten in die Brüche?

Immer wieder bleiben in diesem Roman die Figuren seltsam blass. Man würde gerne mehr über deren Motive erfahren.

Eveline Hasler stützt sich unter anderem auf Mentona Mosers Memoiren und die Erinnerungen eines Enkels der Protagonistin. Hätten weitere Recherchen vertiefte Einsichten ermöglicht?

Mitgefühl für die Armen

Gelungen ist die Darstellung von Mentona Mosers Aufenthalt in Grossbritannien. Er brachte, damals während der Industrialisierung, die noch junge Frau in Berührung mit der sozialen Not des Fabrikproletariats.

Mentona Moser wurde von Empathie für die Ärmsten ergriffen. Zurück in der Heimat mutierte sie zur Sozialistin, plante Kinderspielplätze und Arbeitersiedlungen und wurde zur Mitbegründerin der Zürcher Schule für soziale Arbeit.

Ideal Sowjetrussland

1907 trat sie der sozialdemokratischen Partei der Schweiz bei. Nach der russischen Oktoberrevolution wechselte sie zu den Kommunisten. Sowjetrussland geriet zum Sehnsuchtsort. Dort entstand eine vermeintlich bessere Welt.

Einfühlsam beschreibt der Roman, wie Mentona Moser mit einem Teil ihrer Erbschaft im nachrevolutionären Russland ein Heim für Waisenkinder stiftete.

Ehrenbürgerin der DDR

Die hinteren Kapitel des Buchs behandeln Mosers spätere Lebensstationen eher kurzatmig: Berlin, Flucht vor den Nazis in die Schweiz, 1950 Übersiedlung in die DDR. 1971 Tod in Ostberlin.

Wie aber ging die empathische Sozialistin damit um, dass es sich beim vermeintlichen kommunistischen Paradies um eine Diktatur handelte? Der Roman gibt keine befriedigende Antwort.

Insgesamt ist die Bilanz zu Eveline Haslers neustem Werk gemischt. Lohnend ist die Lektüre des Romans aber allemal. Er ruft einer breiteren Öffentlichkeit eine zu Unrecht vergessene Frauenpersönlichkeit neu in Erinnerung.

Eveline Hasler

Mehr zu lesen und zu hören über Eveline Hasler gibt's auf der SRF-Literaturplattform «Ansichten».

Buchhinweis

Eveline Hasler: «Tochter des Geldes. Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas». Nagel & Kimche, 2019.