Vom ehemaligen Munitionslager der Armee in Mitholz im Berner Oberland geht ein für die Bevölkerung nicht akzeptables Risiko aus. Eine am Montag publizierte Zweitbeurteilung des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) bestätigt die Einschätzung des VBS.

Szenarien sind plausibel

Als zuständige Fachstelle in der Störfallverordnung überprüfte das Bafu nun die Risikoanalyse VBS. Für die Begutachtung des «sehr komplexen» Mitholz-Dossiers zog das Bafu externe Experten des deutschen Fraunhofer-Institutes für Kurzzeitdynamik bei.

Das Fraunhofer-Institut prüfte zuerst die Szenarien des VBS und «befand diese für plausibel», schreibt das Bafu.

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00:32 min, aus News-Clip vom 29.06.2018

Die Prüfung des Frauenhofer-Instituts ging aber von einer doppelt so hohen Sprengkraft aus, als das VBS. Die Risikoanalyse des VBS ging von einem Szenario mit 10 Tonnen TNT aus; das Frauenhofer-Institut mit einem von maximal 20 TNT. Damit würden die Ereignisse bei einer Explosion anders verlaufen.

Laut Bafu zeigen die Berechnungen insgesamt ähnliche Risiken wie bei den VBS-Szenarien, die Gefährdungsbereiche könnten räumlich aber anders verteilt sein. Diese Erkenntnisse seien in der Massnahmen- und Notfallplanung zu berücksichtigen und das Risiko «mindestens in den akzeptablen Bereich zu senken».

Massnahmen erst nächstes Jahr bekannt

Ein Expertenteam soll bis 2020 nach Möglichkeiten suchen, das Risiko einer neuen Explosion zu beseitigen oder zumindest zu senken. Das VBS prüft dabei etwa den Einsatz eines Roboters oder ferngesteuerten Baggers zur Bergung der verschütteten Munition. Ein Prototyp könnte in ein bis zwei Jahren vorliegen, hiess es anfangs Jahr.

Zudem wurde die Überwachung des Munitionslagers verstärkt – mit Video- und Wärmebildkameras sowie Sensoren, die austretende Gase messen. Die Bevölkerung erhielt ein Merkblatt für den Fall einer Explosion oder einer Evakuierung.

Heute befinden sich laut einer Schätzung noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff in den eingestürzten Anlageteilen, etwa dem Zubringertunnel für die Bahn und im Schuttkegel vor der Anlage. Ursprünglich waren im Berg 7000 Bruttotonnen Munition gelagert.

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Bei der Planung für ein neues Rechenzentrum in der Anlage Mitholz zeigten Untersuchungen, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz diese Munition zur Explosion bringen könnten. Eine solche könnte auch Schäden in der nahen Umgebung anrichten. Als Auslöser für eine Explosion kommen auch der Einsturz von Anlageteilen oder eine Selbstzündung von verschütteten Munitionsrückständen in Frage.

Die externen sowie VBS-eigenen Sachverständigen kommen in einem Zwischenbericht ihrer Lagebeurteilung zum Schluss, dass die Gefahr für Schäden teilweise massiv grösser ist, als es die geltenden Regelungen zum Umgang mit Risiken erlauben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleineres Ereignis eintreten könnte, liegt laut den Experten bei einmal pro 300 Jahre, für ein grösseres Ereignis bei einmal pro 3000 Jahre.

Die Anlage Mitholz

Im 2. Weltkrieg wurde in Mitholz ein unterirdisches militärisches Munitionslager gebaut. 1947 kam es darin zu Explosionen, wobei neun Menschen starben. Explodiert war nur ein Teil der eingelagerten Munition. Die Munition, die nicht explodierte, konnte teilweise geräumt werden.

In der eingestürzten Anlage und im Schuttkegel davor dürften sich nach Schätzungen noch 3500 Bruttotonnen Munition befinden.

Die Anlage wurde zwischen 1974 und 1987 für verschiedene Zwecke genutzt und ausgebaut. Ab 1987 wurde die Anlage durch die Armeeapotheke und als Truppenunterkunft genutzt. Weil in der Anlage ein Rechenzentrum geplant war, wurde eine neue Risikoanalyse erstellt. Diese geht von einem deutlich höheren Risiko aus, als bisher angenommen. Gefährdet ist die Bevölkerung, die Bahnpassagiere auf der Strecke von Bern ins Wallis, sowie die Verkehrsteilnehmer auf der Strasse nach Kandersteg.