Sie zählen zu den Jüngsten im Nationalrat. Im vergangenen Herbst schafften sie den Einzug: Der 26-jährige Andri Silberschmidt und die 28-jährige Meret Schneider. Politisch ticken sie völlig unterschiedlich – er rechts und liberal, sie links und grün.

Was sie verbindet: Beide weisen die diversen wissenschaftlichen Studien als für sie persönlich unzutreffend zurück, wonach die Menschen in unseren Breitengraden heute sorgenvoll und pessimistisch in die Zukunft blicken würden.

Die Nationalräte Andri Silberschmidt (FDP/ZH) und Meret Schneider (Grüne/ZH) nutzen öde Sitzungen auch zum Tagträumen. Keystone / Bildmontage

Gedrückte Stimmung bei den Jungen?

So wie es im aktuellen «Credit Suisse Forschungsbarometer» des Berner Forschungsinstituts GFS nachzulesen ist: Mehr als drei von vier Menschen in der Schweiz glauben, «dass es unseren Kindern nicht so gut geht wie uns».

Die österreichische «Jugendwertstudie 2020» besagt, dass fast die Hälfte aller 16- bis 29-Jährigen von einer Verschlechterung der Zukunft ausgeht. Dass sich die Jungen sorgen, belegt auch das neue «CS Jugendbarometer».

Meret Schneider winkt ab: «Ich erlebe die Stimmung in meiner Bubble als völlig anders». Bei jungen Menschen, die sich etwa fürs Klima engagieren, sei viel Aufbruchstimmung zu spüren. Träumt sie selbst von einer besseren Welt? «Ja klar. Deshalb engagiere ich mich ja in der Politik!»

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Neue jugendliche Lust an der Politik?
Aus Kontext vom 14.03.2019

Ähnlich Andri Silberschmidt: Er wolle mitgestalten, deshalb habe er sich zur Wahl gestellt. «Ich träume von einer Schweiz, in der Leistungswilligen und Leistungsfähigen keine Steine in den Weg gelegt werden», sagt er.

Die Zukunft ist Parteiprogramm

Die bessere Welt nach Silberschmidts Zuschnitt entspricht offenbar grosso modo der Verwirklichung des eigenen liberalen Parteiprogramms.

Auf der anderen Seite tönt es ähnlich parteipolitisch, einfach mit umgekehrten Vorzeichen. Meret Schneiders Utopie ist eine Welt, «in der die Menschen ein anderes Verhältnis zur Natur haben und sich nicht einzelne viel zu viel nehmen auf Kosten des ganzen Rests des Planeten.»

Das grosse Feilschen

Utopien in allen Ehren. Doch kommen sie überhaupt zum Zug beim wohl nicht immer lustbetonten Hauptjob von eidgenössischen Räten – dem Feilschen um Gesetze?

«Ich lasse meine Gedanken immer wieder gerne zur Welt schweifen, die ich mir erträume», sagt Andri Silberschmidt. Das helfe, sich durch den oft zähflüssigen Parlamentsalltag «nicht frühzeitig abschleifen» zu lassen.

Ohne Träume gehe es schlicht nicht, sagt Meret Schneider. «Lange Sitzungen mit zermürbenden Diskussionen um einzelne Kommas in Gesetzestexten wären nicht zu überstehen.»

Auch bei Abstimmungsniederlagen helfe «der Gedanken ans grosse Ganze», ans «Noch-Utopische». Er sei «das Fundament, um dranzubleiben und nicht aufzugeben. Irgendwann wird der Traum Realität.»

Den Blick aufs grosse Ganze gerichtet: Meret Schneider im Nationalratssaal. Keystone / ALESSANDRO DELLA VALLE

Die Welt braucht Ideen

Hinzu komme, sagt Andri Silberschmidt, dass man als Nationalrat einer Verwaltung gegenüberstehe, die sich den ganzen lieben Tag lang vorwiegend mit dem Machbaren beschäftige. Da sei es wichtig, «dass es Politikerinnen und Politiker gibt, die weiterdenken und über das Tagesgeschäft hinaus Visionen entwickeln».

Ohne Utopien gehe es nicht. Das gelte auch für Nicht-Politiker. «Wir alle sollten vermehrt positive Visionen entwickeln», sagt Andri Silberschmidt. «Als Politiker müssen wir die Rahmenbedingungen so stellen, dass die Menschen Träume auch verwirklichen können.»

Und wem ob Klimawandel und Corona kein Traum einfällt? Dem rät Meret Schneider sich selbst zu fragen, «in welcher Welt wir unsere Kinder aufwachsen sehen wollen und welchen Planeten wir unseren Nachkommen hinterlassen wollen.»