Es ist ein gigantisches Projekt, das die türkische Regierung plant: den Bau eines Kanals vom Marmarameer bis zum Schwarzen Meer, parallel zum Bosporus. Präsident Recep Tayyip Erdogan verspricht sich zehntausende Arbeitsplätze, Einnahmen aus Durchfahrten und eine Entlastung für den Bosporus. Er selbst will bei der Eröffnungsfeier den Grundstein legen.

Es werde mehr gebaut als eine Wasserstrasse, sagt er. «Wir werden sechs Brücken über den Kanal bauen und zwei neue Städte. Damit wird Istanbul noch toller und alle werden sich fragen, wie wir das geschafft haben.»

In Istanbul fragen sich viele schon jetzt, was passiert, wenn ihr Hinterland bald zubetoniert wird und zwei weitere Städte gebaut werden. Denn die Metropole hat heute bereits 16 Millionen Einwohner und kaum Grünflächen.

Wasserversorgung der Stadt in Gefahr

Erdogan hält wenig von den Bedenken: «Manche Leute sind dagegen. Sollen sie doch. Solche wird es immer geben. Aber wir werden den Kanal bauen und damit den geografischen und strategischen Wert der Stadt steigern. Und ihre Schönheit auch.» Einer, der das anders sieht, ist der Stadtpräsident von Istanbul, Ekrem Imamoglu. Er fürchtet vor allem die Umweltschäden.

Den Bau des «Kanal Istanbul» hatte Erdogan 2011 angekündigt. Er soll 40 bis 45 Kilometer lang werden und das Schwarze Meer und das Marmarameer im Westen Istanbuls verbinden. Keystone

Der Kanal werde die Wasserversorgung der Stadt abgraben und sie damit zu einer trockenen Insel machen, warnt er im türkischen Fernsehen. «Das wird nie wieder gutzumachen sein. Das wird das Ende des Marmarameeres, dieser Stadt und ihres Standorts bedeuten.» Milliarden wolle Erdogan ausgeben. «Doch wenn das alles gebaut ist, kommt das Wasser nicht mehr zurück.»

Marmarameer ist bereits «gekippt»

Schon jetzt hat das Marmarameer ein gewaltiges Problem. Seit Monaten breitet sich ein zäher Schleim auf der Oberfläche aus. Ursache sind nach Ansicht von Experten industrielle Abwässer, die seit Jahrzehnten ungeklärt ins Meer geleitet werden. Dazu kommt die Klimaerwärmung.

«  Das wird das Ende des Marmarameeres, dieser Stadt und ihres Standorts bedeuten.  »
Ekrem Imamoglu
Stadtpräsident von Istanbul

Jetzt ist das Meer «gekippt», das heisst, der Sauerstoffgehalt im Wasser ist drastisch gefallen. Das sei absehbar gewesen, sagt der Umweltingenieur Cemal Saydam von der Hacettepe Universität.

Aus dem Archiv: Schleimplage in der Türkei ist «hausgemacht»
02:32 min, aus Tagesschau vom 17.06.2021

Ebenso absehbar seien die Folgen, wenn der Kanal gebaut werde. «Mit dem Schleim im Marmarameer ist unsere Befürchtung wahr geworden. Wenn man auch noch den Kanal baut, ist es vorbei. Dann werden wir die Stadt aufgeben müssen.» Der knappe Sauerstoff im Marmarameer werde durch den Zufluss aus dem Schwarzen Meer weiter sinken. «Davon gibt es kein Zurück mehr.»

Minister will die Gewässer mischen

Die Regierung glaubt nicht an die Warnungen. Und sie will den Forderungen von Stadtpräsident Imamoglu nicht nachgeben, weil der als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat gilt und Erdogan gefährlich werden könnte. Auch der aufgetauchte Schleim kann Ankara nicht von dem Projekt abschrecken.

Rund 160 Schiffe pro Tag sollen den «Kanal Istanbul» durchfahren können, so der Plan. Er gilt als eines der ambitioniertesten und umstrittensten Prestigeprojekte des Präsidenten. Keystone

Im Gegenteil. «Wir sollten den Kanal noch schneller bauen, denn das Wasser im Schwarzen Meer ist viel sauberer als das im Marmarameer», so der Minister für Transport und Infrastruktur, Adil Karaismailoglu. «Wenn der Kanal gebaut ist, wird dieses saubere Wasser ins Marmarameer fliessen. Dadurch erhöht sich die Wasserqualität.» Und das würde neuen Schleim verhindern.

Eine Durchspülung von der Donau bis in die Ägäis, um das Marmarameer zu reinigen? Ein verstörender Gedanke, meint der Meeresgeologe Naci Görür von der türkischen Akademie der Wissenschaften. Er könne nur hoffen, dass der Minister scherze. Doch Ankara ist es ernst. Am 26. Juni beginnt der Bau.