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Geflüchtete in Griechenland «Ich kam um Schutz zu finden. Aber das hier ist ein Gefängnis»

Auf der griechischen Insel Samos zeigt sich ein neues Bild der Flüchtlingskrise. Menschen, die seit Jahren auf die Bearbeitung ihrer Asylgesuche warten. Ein neues Lager, das von NGOs scharf kritisiert wird. Und Hinweise darauf, dass Asylsuchende an der EU-Aussengrenze zurückgedrängt werden.

Die Not der Geflüchteten – Langwierige Asylprozesse und illegale Pushbacks

«Ich schlafe mit Ratten, Schlangen, Skorpionen, Moskitos. Ist das Europa? Das ist nicht Europa, das ist ein anderer Planet.» Der junge Mann, den wir im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Samos treffen, wirkt verzweifelt. Seit zwei Jahren lebt er im Camp. Wo genau er im Asylprozess steht, weiss er nicht, Das Camp war einst eines der grössten Flüchtlingslager Griechenlands. Ausgelegt auf 600 Personen, warteten dort zeitweise bis zu 8000 Menschen auf die Bearbeitung ihres Asylgesuchs. Doch das ist vorbei. Aktuell leben noch ungefähr 800 Asylsuchende im Camp. Die meisten Asylsuchenden haben die Insel verlassen. Sie wollen aufs Festland, weil sie auf der Insel keine Perspektive sehen. Auch die EU transportiert Menschen aufs Festland, um die kleinen Inseln zu entlasten. 2020 wurden über 31’800 Personen von den verschiedenen Inseln aufs Festland gebracht.

Gleichzeitig entsteht in den Hügeln, sechs Kilometer von der Hauptstadt Vathi entfernt, ein neues Camp. Ein sogenanntes «reception center». Das lässt die EU auf Samos bauen, auch auf anderen griechischen Inseln entstehen neue Flüchtlingscamps. Sie sollen die Asylprozesse beschleunigen und eine bessere Infrastruktur bieten als die bestehenden Lager.

Ein Augenschein vor Ort zeigt: Meterhohe Zäune. Stacheldraht. Container an der prallen Sonne. Keine Ortschaft in der Nähe. Viele Asylsuchende sind beunruhigt: «Sie sprechen von einem geschlossenen Camp, darum haben wir Angst davor, vor dem Wort ‘geschlossenes Camp’», sagt Didier, ein Geflüchteter aus Kamerun. Auch Nichtregierungsorganisationen sind besorgt: «Es ist wie ein Gefängnis. Die Leute sind hier total isoliert. Wir wissen nicht, ob es Transportmittel geben wird, damit die Leute auch mal in die Stadt können. Das ist psychisch sehr belastend für die Menschen», sagt Patrick Wieland, Programmleiter von Ärzte ohne Grenzen auf Samos.

Während viele die griechischen Inseln verlassen, kommen kaum mehr Asylsuchende auf der Insel an. Ein Grund dafür seien die Pushbacks, sagt Dimitris Choulis. Er ist Rechtsanwalt auf Samos und hat dieses Jahr mehrmals mit Pushback-Opfern zu tun gehabt. Menschen würden an der EU-Aussengrenze zurückgedrängt und auf dem Meer zwischen Griechenland und der Türkei ausgesetzt. «So, wie die Opfer es beschreiben, verhalten sich die Leute, die das physisch durchführen, als ob sie absolute Immunität hätten», sagt Choulis. «Wenn so etwas einmal passiert, dann ist es ein Verbrechen. Aber wenn es systematisch passiert, dann ist es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.»

Aber nicht nur auf dem Meer soll es zu Pushbacks kommen. Eine junge Frau aus Burundi berichtet von einem Pushback auf der Insel Lesbos. Sie sei mit einer Gruppe Asylsuchenden mit einem Boot auf der Insel angekommen. Nach Stunden unterwegs – auf der Suche nach dem Flüchtlingslager – habe die Polizei sie aufgegriffen. Es sei zu gewalttätigen Übergriffen gekommen, sagt sie: «Sie haben angefangen uns zu schlagen. Sie sagten: Wer hat euch gesagt, dass ihr hierher kommen sollt? Wie viel habt ihr in der Türkei bezahlt? Sie haben angefangen uns zu durchsuchen. Sie haben mich an den Brüsten angefasst, am Hintern. Und dann hat einer seine Hand in meinen Slip gesteckt, um mein Handy zu suchen.» Statt ins Camp, seien die Asylsuchenden an einen Hafen gebracht worden, wo Polizisten auf sie gewartet hätten. «Sie haben gesagt: Kommt nie wieder. Lasst das das erste und letzte Mal gewesen sein. Sagt den Leuten dort drüben was ihr hier erlebt habt.»

Ihr Fall ist gut dokumentiert. Ein internationales Team von Anwälten hat nun in ihrem Namen Anklage gegen die EU-Grenzschutzagentur Frontex erhoben. Der Vorwurf: Frontex habe es versäumt, trotz schwerwiegender, systematischer Verletzungen der Grundrechte nach EU-Recht, seine Operationen in Griechenland einzustellen. Die junge Frau ist inzwischen wieder mit dem Boot nach Griechenland gekommen und wartet auf Samos auf die Bearbeitung ihres Asylgesuchs. 

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Es ist leider Realität, dass der grösste Teil der Menschheit vom Kap Horn bis Sibirien unter zT schrecklichen Bedingungen leben muss, verständlicherweise lieber im wohlhabenden Europa leben möchte. Seid umschlungen Mio, oder besser Mia, das geht nicht, speziell dann nicht, wenn Menschen aus Ländern mit höchster Geburtenrate, von total anderer, archaischer Kultur/Religion kommen, das Gros von ihnen sich nicht anpassen kann oder will oder gar meint, seine Gepflogenheiten hier etablieren zu können.
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Es wird eng werden, wenn Afghanistan kommt.