«Abschalten» von Martin Suter: Nicht nur der Boss wirkt gefangen

Domenico Blass hat für das Casinotheater Winterthur aus Martin Suters Kolumnen «Business Class» eine Theater-Collage fabriziert. Theater ist daraus keines geworden: zu wenig mutig wurde das Material angepackt. Gefangen wie Suters Boss in seiner Rolle wirkt auch der Theaterabend.

Mann und Frau am Strand unter Sonnenschirm Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Siegmund Tischendorf als aufgeblasener CEO und Alexandra Seefisch als Gattin des CEOs. Bernhard Fuchs

Eigentlich sind die Zutaten perfekt: Martin Suters «Business Class»-Kolumnen wurden nicht umsonst Kult, sie sind intelligent, böse und pointiert. Ein veritabler Lesegenuss. Und auch das Ensemble, das sich in Winterthur versammelt hat, um «Abschalten» auf die Bühne zu bringen, kann etwas.

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«Abschalten»

Geschichten aus der Welt des Managements von Martin Suter, für die Bühne bearbeitet von Domenico Blass (Buch) und Stefan Huber (Regie).

Im Casinotheater Winterthur bis 22. Juni 2013.

Siegmund Tischendorf als aufgeblasener CEO ist ebenso eine gute Wahl wie Max Gertsch und Markus Merz als seine, mit vollem Einsatz auf allen Ebenen im ewigen Konkurrenzkampf befindlichen Kaderleute. Esther Gemsch verströmt genau die richtige gnadenlose Höflichkeit, damit man ihr zutraut, dass in Wahrheit sie den Laden im Griff hat. Und Alexandra Seefisch ist eine zwar ernüchterte, aber unermüdliche Gattin, die ihrem Manager-Mann unbedingt eine Regenerationsphase verpassen will.

Alle meinen es gut

Sie meint es eigentlich gut. Ihr Mann, der CEO, meint es eigentlich auch nur gut, mit seiner Frau, mit seinen Kindern. Und vor allem natürlich mit seiner Firma, die ihm auch nicht aus dem Kopf will, wenn er in Badehosen am Strand liegt. Der Boss ist gefangen in seiner Rolle. Und: Auch der Theaterabend wirkt, als wäre er gefangen.

Martin Suters Texte sind übermächtig. Das tut ihrem Unterhaltungswert keinen Abbruch, es gibt den ganzen Abend über viel zu lachen. Aber Theater wird daraus nicht.

Suter kann man keinen Vorwurf machen, er hat seine Texte schliesslich fürs Lesen und nicht für die Bühne geschrieben. Vermutlich ist es der übergrosse Respekt dem Material gegenüber, der den Bearbeiter Domenico Blass und den Regisseur Stefan Huber davon abgehalten hat, das Material mutiger anzupacken und dem Ensemble mehr Spielraum zu lassen.

Genügend Potential wäre da

Nach der Pause, wenn die Szenen etwas aus dem Ruder laufen, bekommt man eine Vorstellung davon, was mit diesen Texten und dieser Truppe möglich gewesen wäre. Wenn Esther Gemsch in der Beiz mit den russischen Wochen den Kellner im Kosaken-Kostüm gibt und Alexandra Seefisch, ebenso verkleidet, ein Lied ums andere singt, während der CEO versucht, seinen beiden Managern klar zu machen, dass das Unternehmen künftig auf ihre Dienste verzichten will, dann bleibt kein Auge trocken.