Auf der Bühne gibt es kein Ausland

In Zeiten globaler Migration scheint die Welt kleiner, aber nicht übersichtlicher. Das zeigt sich auch im Theater. Der Wandel des Heimatbegriffs verlangt eine tiefere Auseinandersetzung. Wie Kernbohrungen in fremde Kulturen die eigene Kultur beleben, zeigt das Theater Tuchlaube in Aarau.

Man sieht einen Mann und eine Frau. Die Frau liegt auf einem aussergewöhnlichen Holzgerüst. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Daniela Janjic lässt in «Tod meiner Stadt» zwei Welten aufeinanderprallen. Secondo Festival

Aarau ist keine ausgewiesene Theaterstadt. Aarau hat kein Stadttheater und unterwegs von einer zur anderen namhaften Theateradresse zwischen Basel und Zürich flitzt der Zug an Aarau einfach vorbei. Dabei gibt es in Aarau eine vielseitige Kleintheaterszene und seit vielen Jahren wird Nachwuchs- und Autorenförderung betrieben. Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen und Menschen aus anderen Kulturen hat im Theater Tuchlaube Tradition. Und genauso ihren Platz im Programm wie das Gastspiel aus Berlin.

Für den Leiter der Tuchlaube, Peter Kelting, liegt das Besondere an Aarau in seinem Resonanzraum, in dem viele «Schweizen» zusammenkommen. «Die kosmopolitisch-urbane und die ländliche-traditionelle Schweiz und die migrantische Schweiz zeichnen die DNA dieser Stadt aus, sie sind Teil des Alltags und des Strassenbilds. Darin sieht Peter Kelting eine grosse Herausforderung für das Theater. Nicht nur für die Tuchlaube als Institution, sondern auch für die Künstlerinnen, Laienspieler und Jugendliche, welche dort auftreten. Und nicht zuletzt deshalb hat er das Secondofestival zu sich ins Haus geholt, welches dieses Jahr zum siebten Mal aktuelle Theaterproduktionen mit, von und für Menschen mit Migrationshintergrund zeigt.

Tiefenbohrungen ins kulturelle Gedächtnis

Man sieht eine Frau auf einem schwarzen Bürosessel. Eine Szene aus «Past is Present». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Szene aus «Past is Present - eine globale Familiengeschichte» Secondofestival

Wie spannend und produktiv es sein kann, wenn eine vom ständigen Wandel gezeichnete Realität sich im Theater widerspiegelt, zeigt beispielhaft die deutsch-schweizerische Koproduktion «Past is Present – eine globale Familiengeschichte». Aus der Sicht des Filmemachers Shaheen Dill-Riaz werden scheinbar alltägliche Episoden erzählt. Auf der Bühne ist sein eigenes Zimmer zu sehen, wie es in Berlin steht, wo der Filmemacher seit fast zwanzig Jahren lebt und arbeitet. Shaheen ist in Bangladesch geboren und aufgewachsen, seine Familie ist auf vier Erdteilen verstreut. Mit ihnen in Kontakt zu bleiben, ist eine ständige Herausforderung.

Shaheen Dill-Riaz filmt Skypeanrufe mit seinem in Polen lebenden Sohn und er hat Gespräche mit seinen Eltern gefilmt. Wenn sich sein Vater mit der in Australien lebenden Tochter streitet, weil sie heimlich geheiratet hat, wird das Publikum plötzlich Zeuge von Shaheens Lebenswirklichkeit. Auf die Bühne gezoomt, seziert der Filmemacher seine Identität und stellt dabei die grosse Frage, wieviel Freiheit bei der Gestaltung seines Lebens ein Mensch wirklich hat. «Past is Present – eine globale Familiengeschichte» zeigt unaufdringlich und überzeugend, was es bedeutet, in einem sich radikal veränderten Koordinatensystem die eigene Position zu finden.

Der Riss in der Biografie

Starke Geschichten seien gefragt, welche diese Lebenswirklichkeiten thematisieren, sagt Peter Kelting. «Es sind Geschichten von Menschen, die ja oft unfreiwillig hierher kommen oder unter wirtschaftlichem Druck.» Die Aufforderung geht an die Theater, aber auch an die neue, viel beachtete Generation der Schreibenden. Die jungen Dramatikerinnen und Dramatiker sind von diesem Wandel der Gesellschaft bereits geprägt.

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Zum Theater Tuchlaube

Das Theater Tuchlaube Aarau ist ein Koproduktions- und Gastspielhaus von internationaler Bedeutung. Das 7. Secondofestival ist im Theater Tuchlaube bis zum 17. März zu Gast. Acht internationale Theaterstücke von, mit und für Menschen mit Migrationshintergrund werden aufgeführt.

Zum Beispiel Daniela Janjic. Die 30-Jährige lässt in ihrem neuen Stück «Tod meiner Stadt» zwei Welten aufeinanderprallen und setzt sich mit der politischen Vergangenheit auf dem Balkan und der Rolle des Westens auseinander. Daniela Janjic wurde 1984 in Mostar geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Bosnien und Herzegowina. Seit 1993 lebt sie in Winterthur. «Es gibt bei ihr diesen Riss in der Biografie», sagt Peter Kelting. «Daniela Janjic ist in einem Kriegsgebiet aufgewachsen. Das ergibt enorme Reibungspunkte zwischen der eigenen Befindlichkeit und der scheinbar heilen Schweiz – das ist für die Bühne interessant.»

Mit Romantik und Geduld zum Ziel

Peter Kelting, Leiter der Tuchlaube, ist überzeugt, dass es über starke Geschichten gelingt, ein Publikum für das Theater zu gewinnen. Auch Zuschauer, die möglicherweise noch nie einen Fuss ins Theater gesetzt haben. Er sei da etwas romantisch, aber man müsse die kleinen Schritte dahin beharrlich tun. «Man darf nicht unterschätzen, wie hoch die Schwelle immer noch ist, in ein Theater zu gehen», betont der Leiter der Tuchlaube. Wichtig ist, dass die Theater ihre eigenen Wege gehen, und die Erfahrung in Aarau zeigt, dass es sich lohnt.

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