Fabienne Guldimann: Die harte Realität eines Tänzerinnentraums

Es gibt keinen Plan B im Leben der 20-jährigen Fabienne Guldimann: Sie setzt alles auf die Karte Tanz. Seit einem Jahr absolviert sie in Zürich eine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz und trainiert jede Woche – bis zur Leistungsgrenze.

Bis zu 30 Stunden in der Woche trainiert Fabienne Guldimann zeitgenössischen und urbanen Tanz im Zürcher Tanzwerk. Da gehören Sehnenscheiden-Entzündungen oder Muskelkater zum festen Alltag. Aber Fabienne Guldimann will nichts anderes: «Wenn ich tanze, bin ich schon fast ein bisschen in einer anderen Welt. Dort ziehe ich mein Ding durch.»

«Die Schüchternheit stückweise abgelegt»

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SRF Kultur hat die Tänzerin Fabienne Guldimann bereits im Herbst 2013 besucht: Sie schaffte damals die Aufnahme an die neu gegründete Hochschule für Zeitgenössischen Tanz in Zürich.

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Neben dem täglichen Training stehen in der Ausbildung auch theoretische Fächer wie Englisch, Musik, Tanzanalyse, Tanzkonzept, Tanzmedizin und Schauspiel auf dem Stundenplan. Obwohl Fabienne tanzt, seit sie denken kann, ist sie sich sicher, dass dieses Jahr Berufsausbildung sie sichtlich verändert habe: «Ich bin strukturierter, aber auch spontaner geworden. Und wenn ich tanze, bin ich freier im Ausdruck.» Sie habe ausserdem im vergangenen Jahr gelernt, sich besser abzugrenzen. Ein Beispiel? «Wenn ich Ferien habe, mache ich auch Ferien», sagt sie mit fester Stimme.

Fabiennes Entwicklung nimmt auch Jochen Heckmann wahr. Er ist Fabiennes Lehrer und gleichzeitig künstlerischer Leiter der Höheren Fachschule für zeitgenössischen und urbanen Bühnentanz. «Der Lehrplan ist äusserst ambitioniert, und es wird den Studierenden viel abverlangt», sagt er. «Sowohl die Physis wie auch der Kopf werden sehr stark in Anspruch genommen. Das hinterlässt Spuren. Fabienne ist reifer geworden, traut sich mehr zu. Eine anfängliche Schüchternheit oder Zurückhaltung hat sie schon stückweise abgelegt. Der Bühnentanz fordert nun mal eine gewisse Extrovertiertheit. Die kommt langsam zum Vorschein.»

«Ich bin strukturierter, aber auch spontaner geworden. Und wenn ich tanze, bin ich freier im Ausdruck.» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fabienne Guldimann: «Ich bin strukturierter, aber auch spontaner geworden. Und wenn ich tanze, bin ich freier im Ausdruck.» SRF/Claudia Herzog

Gelernt, die eigenen Energien besser einzuteilen

Drei Männer und zehn Frauen sind zurzeit in diesem neuen Studienlehrgang in Zürich West. Nach dem ersten Jahr haben fünf Studenten das Handtuch geworfen. Sie sei ohne grosse Erwartungen in die harte Ausbildung gegangen, sagt Fabienne Guldimann. «Ich habe die Ausbildung von Anfang als streng eingeschätzt, und so ist es nun auch.»

Um den täglichen Strapazen vorzubeugen, lasse sie sich regelmässig massieren, achte darauf, dass sie genügend schlafe, und sich genug Zeit für sich selber einräume. Der belastete Fuss, generell Schmerzen, werden liebevoll mit bunten Klebestreifen getaped. «Ich habe gelernt, auf meinen Köper zu hören und spüre inzwischen sehr genau, wenn ich mich über die Leistungsgrenze hinauslehne.»

Der Traum vom Tanzen ist ungebrochen, aber abgeklärter

Was wird sie tun, wenn sie im August 2016 ihren Abschluss in der Tasche hat? Ferien? «Bestimmt nicht!» Sie werde sehr wahrscheinlich mindestens ein halbes Jahr vernünftig Geld verdienen, entweder weiter im Service oder als Tanzlehrerin. Und sich daneben nach geeigneten Vortanzen umsehen. Das sagt sie genau so. Es sind abgeklärte Berufsperspektiven einer 20-Jährigen, die noch vor einem Jahr den Traum von der grossen Bühne in Chicago hegte.

«Ich habe im ersten Jahr viele Facetten des Tanzes kennen gelernt. Uns wurde gezeigt, was es alles für Möglichkeiten gibt.» Diese ersten konkreten Erfahrungen im Tanzbusiness helfen ihr, klarer zu sehen, welchen Weg sie überhaupt einschlagen wolle. Für Jochen Heckmann bringt Fabienne viele Eigenschaften mit, um als Bühnentänzerin ihren Weg zu gehen. Aber auch für ihn ist es noch zu früh, um ihre Berufschancen richtig einzuschätzen. «Wo der Markt sie hinträgt oder für was sie sich schlussendlich entscheiden wird, werden die nächsten drei Jahre zeigen.» Was also kommt – wenn alles so klappt, wie sie es sich wünscht? «Der Traum wäre, in einer Tanzproduktion mitzuarbeiten», sagt Fabienne Guldimann. «Egal ob in Berlin, Oslo oder Chicago.»