Irgendwo zwischen Brillanz und Blödsinn: Da ist Helge Schneider anzutreffen. Seit über 40 Jahren steht er auf der Bühne und improvisiert schrullige Bühnenprogramme, eine Mischung aus absurder Komik und Jazz. Vor seiner neuen Tournee haben wir ihn für ein ernstes Gespräch über Unsinn getroffen.
SRF: Woher kommt Ihr Talent zur Improvisation?
Helge Schneider: Die Improvisation entsteht aus einem angstfreien Zukunftsleben. Ich schaue ohne Ängste, ohne Sorgen in die Zukunft. So kann man eine gesunde Improvisation entwickeln.
Was unternehmen Sie, damit in Ihrem Bühnenprogramm genug Raum zum Improvisieren bleibt?
Na ja, ich probe kaum. Auch mit meinen Musikern gibt es nicht immer Proben. Unser Bassist zum Beispiel kommt aus Amerika. Der kommt einen Tag vor der Tour an. Dann proben wir nicht, sondern gucken lieber, was wir anziehen.
Man soll sich selber nicht zu ernst nehmen. Das ist eigentlich die Hauptbotschaft.
Machen Sie mit Ihren Programmen Rebellion?
Ja – auch, sicher. Kann man sagen, ja. Rebellion – ein schönes Wort.
Rebellion wogegen?
Gegen alles. Man soll sich selber nicht zu ernst nehmen. Das ist eigentlich die Hauptbotschaft. Wenn der Mensch sich selbst nicht so wichtig nimmt, hat er viel mehr Möglichkeiten nach aussen zu schauen, auch mal über den Tellerrand.
Ich bin immer so gewesen. Ich habe Grenzen sowieso nicht akzeptiert und ich mache es auch heute nicht. Ich finde es schade, dass man nicht zu Fuss einfach mal nach – was weiss ich – Peking gehen kann.
Wenn Sie auftreten und der Saal tobt – wissen Sie, was da mit den Leuten los ist?
Das sind Bilder, die sie auf mich projizieren. Wenn man schon länger im Geschäft ist, kennen die Leute einen. Die kommen mit diesen Bildern und denken – ach, der ist ja lustig. Und egal was ich mache, ich muss gar nicht lustig sein, die lachen sich kaputt. Das kann ich verstehen. Ich bin ja auch Fan von bestimmten Leuten.
Ich finde, die Leute haben verdient, was Schönes zu sehen.
Der Schweizer Clown Grock ist eines Ihrer Vorbilder.
Wir hatten ein Buch von ihm zuhause, seine Memoiren. Eigentlich ein schlimm geschriebenes Angeberbuch. Aber die Fotos fand ich unheimlich gut und seine Geschichte war faszinierend.
Er ist von Zuhause weggelaufen, weil er im Zirkus mitreisen wollte. Für mich war diese Personalität so faszinierend – seine Fähigkeit, andere Leute zum Lachen zu bringen. Und dabei war er auch ein ziemlich verschrobener, geiziger und ernster Typ.
Wo liegt denn der Ernst im Unsinn?
Der Ernst im Unsinn liegt darin, dass der Mensch, der diesen Unsinn macht, auch ein ernster Mensch sein kann. Der Ernst ist ganz wichtig für die Komik. Diese Sachen und Situationen, die ich auch auf der Bühne erzähle, sind ja manchmal wirklich todernst. Die sind überhöht dargestellt, so dass man eben lachen muss. Weil sie so extrem überhöht sind, dass man denkt: «Das kann ja gar nicht sein.»
Und Sie lachen dann auch, oder?
Ich muss immer lachen.
Macht Ihnen ein Programm irgendwann keinen Spass mehr? Wie ziehen Sie es dann trotzdem durch?
Ich glaube, das funktioniert nur, weil ich mich sozusagen nicht vorbereite. Ich mache nur die äusseren Daten fest. Zum Beispiel so eine Pressekonferenz und so.
Aber auch, wie bauen wir uns für ein Programm auf der Bühne auf? Was ziehen wir an? Wie ist das Licht? Das sind Sachen, mit denen ich sehr liebevoll umgehe. Ich finde, die Leute haben verdient, was Schönes zu sehen.
Schauen Sie auch, was die Konkurrenz so macht?
Wenn ich heute Radio anmache, dann packt mich das überhaupt nicht. Ich höre immer dieselben Hooklines. Natürlich habe ich es unglaublich leicht in so einer Zeit. Man kommt sich vor wie ein Dinosaurier, der durch die Landschaft platscht und dann wieder nachhause geht und seinen Kühlschrank auffüllt und wieder leert.
Das Interview ist ein gekürzter, leicht angepasster Auszug aus dem Gespräch von Nina Mavis Brunner mit Helge Schneider.