In Wädenswil gehen die Grossen der Bühne ein und aus

Die Garderobe mit Seesicht allein kann es nicht sein, die Musiker, Schauspielerinnen und Kabarettisten dem Theater Ticino seit Jahren die Treue halten lässt. Es ist die Art und Weise, wie sie behandelt werden. So kommen auch Stars, die sonst auf grossen Bühnen spielen, immer wieder nach Wädenswil.

Ein zweistöckiges Haus in der Abenddämmerung, die Fenster sind erleuchtet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kleines Haus mit grossem Ruf: das Theater Ticino in Wädenswil. Bernhard Fuchs

Es war einmal ein altes Haus am Zürichsee, das von einem jungen Mann aus einem zehnjährigen Dornröschen-Schlaf geweckt wurde. Mitte der 1980er-Jahre schmiss Ueli Burkhardt nach zwei Jahren die Schauspielschule in Wien und kehrte heim nach Wädenswil. Sein erklärtes Ziel war es, die Gemeinde mit kulturellen Aktionen auf Trab zu bringen – was ihm mit Strassenaktionen und Sofakino schon in kurzer Zeit gelang.

Das Theater Ticino wird 30

3:21 min, aus Kultur kompakt vom 25.09.2015

Künstlerische Wahlheimat

Aber so richtig in Fahrt kam er durch die Besichtigung des ehemaligen Restaurants Ticino, das einer seiner Freunde eigentlich zu einem Kindergarten hätte machen wollen. Auf den ersten Blick war dem damals 23-jährigen Burkhardt klar, dass er aus diesem Haus ein Theater machen wollte. Doch bevor an der Seestrasse 57 geprobt und gespielt werden konnte, musste kräftig angepackt und umgebaut werden.

In Berlin oder Wien, aber auch am Züricher Schauspielhaus kann es vorkommen, dass Augen zu leuchten beginnen, wenn man Künstler auf das Theater Ticino anspricht. Bei Sängerinnen ebenso wie bei Kabarettisten, bei Musikerinnen genauso wie bei Puppenspielern.

Im Vordergrund sitzt Wolfram Berger in nachdenklicher Pose, dahinter Thomas Rabenschlag am Flügel spielend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wolfram Berger (mit Thomas Rabenschlag am Piano) in «Dances with Wolfi» im Theater Ticino, Februar 1996. Bernhard Fuchs

Die Schar derer, die in diesem Haus direkt am See eine künstlerische Wahlheimat gefunden haben, ist beeindruckend und wächst langsam aber stetig. Es ist die Crème de la Crème, die sich hier seit 30 Jahren die Klinke in die Hand gibt.

Treue und Neue

Eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die am Anfang ihrer Karriere noch im Ticino gespielt haben, füllen inzwischen grosse Säle. Max Raabe ist einer von ihnen, Michael von der Heide auch. Die Mehrheit hält dem Haus seit Jahrzehnten die Treue, wie ein Blick in die Fotogalerie beweist.

Die Kabarettisten Pigor & Eichhorn haben schon im Ticino gastiert, als sie noch ein Geheimtipp waren – und bis heute präsentieren sie jedes Programm in Wädenswil. Auch der nimmermüde Wolfram Berger ist dem Haus seit dessen Anfängen verbunden. Solo oder zusammen mit Jürg Kienberger oder anderen musikalischen Partnern gastiert er gerne mehrmals pro Jahr bei den Brüdern Burkhardt. Denn nebst dem künstlerischen Leiter Ueli Burkhardt wirkt im Ticino auch sein Bruder Martin Burkhardt. Als Tonmeister sorgt er für einen guten Ton auf der Bühne oder um Live-Mitschnitte von Auftritten zu realisieren.

Ein Newcomer, der begeistert

Das Publikum, das sich längst nicht mehr nur aus Wädenswilern zusammensetzt, schätzt es, die Entwicklung von Künstlerinnen und Künstlern über Jahre zu verfolgen. Es interessiert sich aber ebenso für Neues. Auch in dieser Hinsicht beweist Burkhardt verlässlich einen feinen Instinkt. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist der österreichische Puppenspieler Nikolaus Habjan.

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Werkschau von Nikolaus Habjan

im Theater Ticino:

  • 12. und 13. Januar 2016: «F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig»
  • 14. Januar 2016: «Ich pfeife auf die Oper»
  • 15. und 16. Januar 2016: «Der Herr Karl»

Er ist jahrelang in der Schweiz ausschliesslich im Ticino aufgetreten. Nach einer Ausbildung zum Opernregisseur hat sich der 1987 geborene Grazer dem Puppenspiel zugewandt – und hat innert kürzester Zeit eine Meisterschaft erreicht, die ihresgleichen sucht. Er überzeugt durch seine Bühnenpräsenz ebenso wie durch sein Gespür für packende Geschichten, literarische oder reale. Habjan bringt beispielsweise «Don Quichote» auf die Bühne oder Heltmut Qualtingers «Herr Karl».

Und, er wagt sich auch an die Biographie von realen Menschen. Beispielsweise im Stück «F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig», das er zusammmen mit seinem Co-Autor und Regisseur Simon Meusburger erarbeitet hat. Inzwischen gastiert er mit diesem Solo-Stück auf den grossen renommierten Bühnen, inklusive dem Wiener Akademie-Theater. Im kommenden Januar präsentiert das Theater Ticino eine Werkschau von Nikolaus Habjan.