In «Wir sind keine Barbaren!» klopft das Fremde an die Tür

Das Fremde bricht in ein eng abgestecktes Vorstadtleben – und dann geht's rund. Der Dramatiker Philipp Löhle hat fürs Theater Bern ein boshaft vergnügliches Stück geschrieben: «Wir sind keine Barbaren!». Ein Stück zur politischen Aktualität, das überall spielen könnte und jeden angeht.

Der Dramatiker Philipp Löhle ist diese Saison Hausautor am Theater Bern, und er hat nun so etwas wie das Stück zur Stunde geschrieben. Es trägt den Titel «Wir sind keine Barbaren!». Und Barbaren sind wir nicht, weil «wir», die weissen christlichen Mitteleuropäer, die Zivilisation wenn nicht erfunden, so doch gepachtet haben. Im antiken Griechenland galt allerdings als Barbar, wer das Gastrecht nicht achtete und heiligte.

Eingezäuntes Vorstadtleben

Zwei Paare, zwei agglomerationstypische Gartensitzplätze, die Buchsbaumkübelchen markieren penibel die Grenze. Bühnenbildnerin Elisa Alessi hat ein wenig Vorstadtleben eingezäunt in den Vidmarhallen. Hier wohnen Barbara und Mario (Rahel Hubacher, Jürg Wisbach). Er entwickelt künstlichen Sound für Elektroautos, damit sie im Strassenverkehr ernst genommen werden, sie ist Köchin, neuerdings vegan. Nebenan sind Paul und Linda frisch eingezogen (Jonathan Loosli, Mona Kloos), ein jovialer Proll und eine superenergetische Fitnesstrainerin, sie weihen gerade unüberhörbar das Ehebett ein. Es weckt nostalgische Gefühle bei Barbara und Mario.

Man plaudert ein wenig, man hasst sich ein wenig, wie's halt so geht unter Nachbarn. Löhle skizziert es mit knappen, prägnanten Linien, ein Kleinbürgeridyll – bis das Fremde an der Tür klopft.

Ein Versuchsspiel mit dem Unbekannten

Ein Mensch sucht Asyl. Er tritt nicht auf, er bleibt unbestimmt, heisst vielleicht Klint oder Bobo. Geschickt vermeidet der Theaterautor Löhle jede Konkretisierung. Hier geht es ums Allgemeine, das Versuchsspiel.

Und da geht's rund. Linda und Paul weisen Klint/Bobo ab. Barbara, die hungrige Köchin, gierig nach Leben und Liebe, nimmt ihn auf. Er wird ihr zum Sinnbild und zur Metapher für alle Unterdrückten dieser Erde – und unerbittlich spielt Löhle die Etappen durch, Abwehr, Schuldgefühl, Erotik. Es ist von abgrundtiefer Schwärze, und weil Löhle Dialoge schreiben kann, ist es auch ungemein witzig und spannungsvoll.

Regisseur Volker Hesse inszeniert das Angst-Lustspiel mit dem boshaftesten Vergnügen. Er spitzt die Verhältnisse zu, er bringt die Situationen auf den Punkt, er entfesselt in den Figuren ihre Hysterie. Das ist schlau, es ist schnell, es ist komisch und schmerzlich zugleich: Es trifft.

Und es trifft vor allem auch deshalb, weil es sich von der politischen Aktualität löst und eine allgemeine gesellschaftliche Temperatur fühlt. Philipp Löhles «Wir sind keine Barbaren!» ist ein Stück zur Stunde, aber auch ein Stück über die Stunde hinaus.