Matratzen fürs Publikum: Neustart am Luzerner Theater

Es gehört zu den kleineren Häusern der Schweiz. Trotzdem hat das Luzerner Theater unter dem neuen Intendanten Benedikt von Peter Grosses vor. Das Publikum merkt es bereits, wenn es sich hinsetzen will.

Ein dunkler Bühnenraum. Ein Dirigent dirigiert ein Orchester, das hinter ihm spielt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Prometeo» in Luzern: Belehrung von oben herab ins Dunkle hinein ist Geschichte, sagt Intendant von Peter. Luzerner Theater

  • Das Theater habe ihm einst das Leben gerettet, sagt Benedikt von Peter.
  • Theater als Wir-Gefühl: Der neue Intendant am Luzener Theater setzt auf das Zusammen-Kommen, Zusammen-Hören, Zusammen-Sein.
  • Seine Eröffnungspremiere «Prometeo» kann man stehend, sitzend und sogar liegend geniessen.

Gesten voller Leidenschaft

Ein Büro mit direktorialer Ausstattung scheint Benedikt von Peter nicht zu interessieren. Ein Tisch, ein Kanapee, ein paar Stühle: Dass es hier trotzdem Wärme und Herzlichkeit gibt, dafür sorgt der Direktor schon selber.

Sein Lachen ist ebenso charmant wie sein verwuscheltes Haare, seine Gesten und seine Rede dagegen verbindlich und voller Leidenschaft. Theater, sagt er, hat ihm einst das Leben gerettet, als er jung war. Als er seinen Weg suchte, gegen Wände fuhr, haderte und viel Wut in sich verspürte.

Sechs Wochen, eine Utopie

In dieser Situation entdeckt er «den Kosmos Theater», wo die unterschiedlichsten Menschen sechs Wochen oder mehr gemeinsam an einer Idee arbeiten, alles neu denken dürfen und sich dabei jedes Mal von neuem eine kleine Utopie erschaffen.

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Der Fall «Salle modulable»

Benedikt von Peter: «Das war der zweite Anlauf, aller guten Dinge sind drei. Die Debatte im Parlament war sehr beeindruckend, 38 Politikerinnen und Politiker haben sich hingestellt und sich über die Kultur in Luzern geäussert. Fast alle sind sie sich einig. Kultur in Luzern ist das A und O, und wir werden nicht um ein neues Theater herumkommen.»

«Dann nämlich, wenn die Menschen merken, dass sie an etwas Neuem, noch nicht Gedachtem und Gemachten arbeiten, und dass sie von dieser Arbeit beseelt sind und sie ihnen Sinn gibt», sagt Benedikt von Peter. «Das ist der Moment, wo Theater stattfindet.»

Bitte bewerben!

Um ein Haar wäre es nichts geworden mit ihm und dem Luzerner Theater. Denn der Brief, den die Findungskommission nach Bremen an den damaligen leitenden Regisseur des Musiktheaters schickte, mit der Bitte um Bewerbung – dieser Brief landete auf dem falschen Schreibtisch. Und blieb dort ungeöffnet zwei Monate liegen.

Doch dann sei er sofort hingefahren. «Das machst du auf jeden Fall», hat er sich gesagt, denn Stadttheater interessieren ihn: «Sie sind seismografisch viel näher dran, sind enger in Kontakt mit den Mitarbeitenden und Zuschauenden.» Zudem seien Dreispartenhäuser viel lebendiger.

Aus für die «Salle modulable»

5:04 min, aus Kultur kompakt vom 13.09.2016

Guckkasten war gestern

Benedikt von Peter zählt sich selber zur jungen Generation von Theatermachern. Zu jener, die überzeugt davon ist, dass die Zeit der Belehrung von oben ins Dunkle hinein vorbei sei: «Die Schule schafft den Frontalunterricht ab, die Universität hinterfragt die Vorlesung als Kommunikationsform – und das Theater spielt immer noch im Guckkasten?»

Der soziale Aspekt des Theaters

Neue Räume bracht das Land! Raumformen, die den sozialen Aspekt des Theaters thematisieren. Er spricht von «Vergemeinschaftung» und meint damit das Zusammen-Kommen, das Zusammen-Hören, das Zusammen-im-Text-und-in-der-Musik sein.

Raumtheater, ist Benedikt von Peter überzeugt, löst die «Bedeutungshoheit» des Theaters auf. «Es autonomisiert das Publikum im Hören und Zuschauen einerseits, markiert aber andererseits auch, dass es sich um einen körperlichen Vorgang handelt. Da sind Menschen physisch im Raum, und die machen gerade etwas mit ihren Körpern, und das Publikum selber ist körperlich anwesend – und keine Leinwand trennt diese beiden Teile.»

Ausgeräumter Zuschauerraum

Mit seiner Eröffnungspremiere «Prometeo», der «Tragedia dell’Ascolto» von Luigi Nono, führt er exemplarisch vor, was er damit meint: Menschen zwischen 9 und 99 kommen her, «versammeln sich», sitzen, stehen, liegen – und werden durch die Musik – in dem Fall – auf die gleiche Ebene geführt.

Menschen liegen und sitzen im Zuschauerraum eines Theaters. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zum Einschlafen? So bequem kann Theater sein. Luzerner Theater

Dafür hat er den Zuschauerraum ausgeräumt. Die fixe Bestuhlung ist weg, bequemere und unbequemere Stühle, aber auf jeden Fall bewegliche, stehen herum, neben den Matratzen, auf die man sich legen kann und mit andern zusammen teilt. «Man ist mitenander unterwegs, und das alles fühlt sich einfach auch egalitärer an.»

«Herzlichkeit und Wärme»

Geradezu ins Schwärmen gerät er, wenn er von seiner Ankunft in Luzern erzählt, wo ihn der Stiftungsrat des Theaters persönlich und intensiv unterstützte und ihm beim Knüpfen der neuen Netzwerke half. Road-Show nennt er die Reise durch die Stadt und die verschiedensten Gruppierungen, darunter sowohl Familien wie Clubs, zu denen er geladen wurde.

«Luzern», so sein Fazit dieser ersten Zeit, «ist eine kleine und sehr vernetzte Stadt. Aber mit einer grossen Willkommenskultur, mit viel Herzlichkeit und Wärme.»

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