Neues Musiktheater: Hybride Kunstform auf Erfolgskurs

«Musiktheaterformen»: So nennt das «Gare du nord» eine Reihe von 14 Produktionen, mit der es in dieser Spielzeit einen Programmschwerpunkt setzt. Damit beweist das kleine Haus in Basel ein gutes Gespür für künstlerische Trends.

Theaterszene: Eine Frau in engen kurzen Hosen und Tanktop richtet eine Pistole ins Publikum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Scharfe Mischung, unscharfe Grenzen: Im «Gare du nord» verschmelzen Musik und Theater zu etwas Drittem. Julia Hintermüller

Die Bezeichnungen machen nur klar, dass sich der Begriff (noch) nicht ganz scharf fassen lässt: Instrumentales Theater, Théâtre musical, experimentelles Musiktheater … Das Interesse aber an neuen Formen des Musiktheaters sei eindeutig da, sagt die Regisseurin Desirée Meiser, die zusammen mit Ursula Freiburghaus den Basler Musikbahnhof leitet: «Seit wir dem Gare mit den Musiktheaterformen eine neue Ausrichtung gegeben haben, wird die Nachfrage auf allen Seiten immer grösser.»

Die Gattung, die sich bewusst ins Dazwischen setzt, scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Und zwar von Künstlerinnen und Künstlern wie vom Publikum aus. Das habe mit dem Potenzial dieser Kunstform zu tun, ist Ursula Freiburghaus sicher: «Wenn Musik und Theater wirklich zu etwas Drittem verschmelzen, entsteht etwas Neues.» Und Desirée Meiser fügt hinzu: «Die Musik kann einen Mehrwert zum Wort generieren. Wenn die Sprache versagt, kann sie ein idealer Transmitter sein.»

Die Suche an den Rändern

Es ist kein Zufall, dass ein so kleines Haus wie der «Gare du nord» sich für diese hybride Kunstform stark macht. Der freien Szene verbunden und ohne starre Hierarchien bietet das Haus einen offenen, flexiblen Raum, in dem sich nicht die Künstlerinnen den Strukturen anpassen müssen, sondern umgekehrt. Insofern hat das neue Musiktheater durchaus eine subversive Note: Es rüttelt an herkömmlichen Systemen, hinterfragt Produktionsprozesse, lenkt Blick und Ohr wieder auf die ureigene Kreation.

Vorläufer in der Musikgeschichte gibt es viele: Die Experimente von John Cage oder die Klangkompositionen von Mauricio Kagel. Im Theater haben Regisseure wie Christoph Marthaler oder Ruedi Häusermann die Türe zur Nachbarsgattung aufgestossen und so weiterentwickelt, dass man in ihren Arbeiten teilweise nicht mehr unterscheiden kann, wer Musiker und wer Schauspielerin ist. Viel wichtiger ist, dass sie eine gute Bühnenpräsenz haben und sich auf der Bühne als Autoren des Projekts verstehen.

Improvisation statt Interpretation

Das Auflösen von eindeutigen Gattungsgrenzen war gerade im freien Theater der letzten Jahre eine der augenfälligsten Tendenzen. Davon kann das neue Musiktheater profitieren: Denn eine gleichberechtigte Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist die Grundlage dafür, dass mal der Klang, mal das Wort, mal der Raum, mal die Bewegung den Lead übernehmen können – damit sich Musik und Theater gemeinsam vorwärts entwickeln können.

Und gerade deshalb ist es (immer noch) einfacher zu sagen, was das neue Musiktheater nicht ist: Nicht Oper, nicht Musical, nicht szenische Lesung mit musikalischer Begleitung. Doch: Wo endet das Konzert, wo beginnt das Theater? Ab wann ist eine Performance mit Musik ein Musiktheater? – Fragen, die als Fragen wichtig sind. Und hinter denen sich Kunsterlebnisse verbergen, die in die Zukunft weisen.

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