Opernhaus Zürich: Aida röchelt im Staub

Tatjana Gürbaca inszeniert am Zürcher Opernhaus Giuseppe Verdis «Aida» und geht dabei eigene Wege: Sie fokussiert sich auf den Kriegsheimkehrer Radamès. Was als intimes Kammerspiel angelegt ist, endet in einer Staubwolke. Nicht zu aller Zufriedenheit.

Aida als Putzfrau, so hat sie der Regisseur Hans Neuenfels vor über 30 Jahren dem Opernpublikum gezeigt. Zugemutet damals, muss man sagen, denn die Inszenierung rief einen Skandal hervor. Wenn nun in Zürich die Regisseurin Tatjana Gürbaca im dritten Akt kurz dasselbe Bild zeigt, Aida als Putzfrau, darf das als Zitat verstanden werden. In einer Inszenierung, die ansonsten durchaus ihre eigenen Wege geht.

Starke Gegen-Inszenierung

Eine schicke Hotellobby, vielleicht auch ein Hotelzimmer, mit Designersofa, Bar und kühlen Deckenlampen. Hier nippen Radamès und seine Freundin Amneris an Drinks. Schauen fern. Und ab und zu kommt das schwarze Dienstmädchen Aida herein mit frischen Tulpen. Eher aus einer Laune heraus verspricht Radamès dieser Aida den «Thron an der Sonne», während sie die gebrauchten Gläser abräumt. Später wird Radamès als Heeresführer eingekleidet. Probeweise schiesst er mit seiner Pistole den Verschluss von einer Cognac-Karaffe. Seine Getreuen feiern derweilen Party bis zum Umfallen.

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Aida am Opernhaus Zürich

Das Opernhaus Zürich zeigt «Aida», inszeniert von Tatjana Gürbic, vom 2. März bis am 1. April 2014.

Als Radamès nach dem Krieg von Ägypten gegen Äthiopien heimkehrt, quälen ihn Erinnerungen an Schussgefechte, an Folterungen, an im Rollstuhl sitzende Kameraden, an sexuelle Perversionen. Gezeigt wird das zu den Klängen des berühmten Triumphmarsches, verstärkt wird der Effekt vom Auftritt der Choristen hinter einem Vorhang. Dieses Gegen-Inszenieren wirkt stark und ist der Höhepunkt des Abends.

Keine glückliche Hand bei der Auswahl der Sänger

Der Chor in dieser Zürcher Inszenierung hat den ganzen ersten Teil hindurch hinter diesem Vorhang zu singen. Und da treten erste Probleme auf bei dieser Inszenierung. Denn Koordination von Chor und Orchester ist in so einer Fernaufstellung Glückssache und der Klang bleibt vermummt. Was in einer Chor-Oper wie «Aida» störend ist. Auch bei der Sängerauswahl hat Intendant Andreas Homoki diesmal kein glückliches Händchen gehabt. Latonia Moore, eine international gefragte Aida-Interpretin, hat im fremden Ägypten nicht nur ihre Heimat verloren, sondern auch die Fähigkeit, sauber zu singen: Da will ihre Stimme noch so organisch kraftvoll wirken und in der Höhe strahlen. Der lettische Tenor Aleksanders Antonenko gibt einen fokussierten bis schneidenden Radamès mit grossen Linien. Nimmt man ihm den strahlenden Lover und Feldherrn ab, so fehlt dieser Stimme später die Farbe, um jene Gebrochenheit auszudrücken, die ihr von der Inszenierung abverlangt wird.

Es hätte sich ein intimes Kammerspiel entwickeln können

Da nämlich rückt Gürbaca Radamès stärker ins Zentrum, den Kriegsheimkehrer, den gebrochenen einstigen Strahlemann. Radamès wird zum Aussenseiter und ist somit «seiner» Aida plötzlich näher als vor dem Krieg. Dieser Faden hätte weiterverfolgt werden sollen, zwischen den beiden hätte sich ein intimes Kammerspiel entwickeln können. Zumal sich Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich sehr wohl in leisen, zärtlichen Tönen bewährt haben.

Der intime Stil ist der Regie indes nur ansatzweise gelungen. Etwa in der Begegnung Amneris‘ mit ihrer Rivalin Aida zu Beginn des zweiten Akts. Wie Amneris ihren Verdacht durch kalkuliertes Nachfragen erst bestätigt und dabei versucht ihr Gesicht zu wahren, ist auch gesanglich gekonnt, und mit den gebrochenen Registerfarben Iano Tamars gut umgesetzt.

Es gelingt Tatjana Gürbaca, die nächstes Jahr in Zürich Mozarts «Zauberflöte» inszenieren soll, immer wieder Räume zu öffnen. Dann, wenn sie im szenisch Unausgesprochenem, die Musik und den Gesang zum Wort kommen lässt. Wenn sie auf die Personen zoomt, sich in die Psyche ihrer Darsteller hinein versetzt.

Gürbaca tritt die Flucht nach vorne an – leider

Doch «Aida» ist nun mal keine Kammeroper. Die Massenszenen wollen bewältigt sein. Und da ist Gürbaca in ihrer zweiten Zürcher Inszenierung eingeknickt. Hat die Fäden, die sie zwischen einem Kriegsheimkehrer und einer entwurzelten Fremdarbeiterin spinnen wollte, aus der Hand gegeben. Und ist die Flucht nach vorne angetreten.

Als wahrer «coup de théâtre» kracht im letzten Akt über dem zu Tode verurteilten Paar die Decke ein. Zerstört ist nun jeder Schutz, auch wenn sich, wie es im Text heisst, der Himmel hier öffnet. Das ist als Bild beeindruckend. Und doch funktioniert es nicht. Es geht um ihre nackte Existenz, wenn Aida und Radamès ihr Schlussduett «O terra addio» singen. Was sonst in fast jeder «Aida» berückendes Schlussmoment ist, gerät hier zum röchelnden Abschied unter Staubwolken. Soviel ist nach dieser Aufführung jedenfalls klar: Sänger mögen keinen Staub.

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