Tänzer ohne Grenzen: Sidi Larbi Cherkaoui am Tanzfestival Steps

Am Donnerstag startet zum 15. Mal das grosse Tanzfestival Steps. Elf Kompagnien werden in 90 Vorstellungen durch die Schweiz touren. Mit dabei ist auch Sidi Larbi Cherkaoui: Der Belgier gehört zu den bedeutendsten und eigenwilligsten Choreografen der zeitgenössischen Tanzszene.

Bühnenbild: Zwei tanzende Männer, deren Arme sich ineinander verschränken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spitzentanz mit Köpfchen, aber auch die Arme spielen mit: Szene aus Sidi Larbi Cherkaouis «Fractus V». Steps/Filip Van Roe

Sein Name führt auf eine falsche Spur, einerseits. Andererseits aber auch nicht: Sidi Larbi Cherkaoui trägt zwar einen arabischen Namen, ist aber hellhäutig und in einem Vorort von Antwerpen aufgewachsen – zusammen mit einem marokkanischen, muslimischen Vater und einer katholischen Flämin als Mutter.

Seine Kindheit war nicht einfach und von vielen Brüchen geprägt. Als guter Schüler begann er später Sprachen zu studieren. Doch schliesslich packte ihn die Tanzleidenschaft mit Haut und Haar. In einem Interview sagte er einmal: «Einige Dinge kann man sagen, andere tanzt oder singt man.»

Tänzer ohne Grenzen

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«Fractus V» am Steps

Das neue Stück von und mit Sidi Larbi Cherkaoui ist zunächst am 18. und 19. April 2016 in Zürich zu sehen. Weitere Vorstellungen stehen in Bern, Basel und Mézières auf dem Programm der 15. Ausgabe von Steps.

Eine bedeutsame Äusserung, die vieles in seinem Leben auf den Punkt bringt. Denn sowohl das Wort als auch der Tanz und die Musik spielen eine wichtige Rolle bei Cherkaoui; vielleicht sogar eine gleichwertige in seiner künstlerischen Biografie.

Heute gilt der Belgier als einer der bedeutendsten und eigenwilligsten Choreografen der zeitgenössischen Tanzszene. Er ist ein realer und metaphysischer Grenzüberschreiter. Immer wieder hat es ihn in den Osten, in den Orient und nach Asien gezogen. Dort hat er sich mit anderen Tanztraditionen auseinandergesetzt und sich auf seine ganz eigene Art einverleibt.

So hat er eine Arbeit zusammen mit den Mönchen aus dem chinesischen Shaolin-Kloster kreiert; genauso hat er aber auch kleine, intime Stücke entwickelt. Immer auf der Suche nach einem authentischen Ausdruck, nach Erweiterung des eigenen Bewegungsmaterials. 2010 hat er seine eigene Compagnie Eastman gegründet.

Bühnenbild: Vier dunkel gekleidete Tänzer, der eine scheint zu fliegen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf der Suche nach dem authentischen Ausdruck: Sidi Larbi Cherkaoui und seine Compagnie Eastman. Steps/Filip Van Roe

Einmalige Ausstrahlung

Für seine jüngste Arbeit, «Fractus V», hat Cherkaoui wiederum Künstler verschiedener Tanzstile verpflichtet: Einen Zirkusartisten, einen Flamencotänzer, einen ehemaligen Break-Dancer und einen Lindy-Hop-Profi. Dazu musizieren live ein japanischer Perkussionsist und Sänger, ein zweiter Sänger und Musiker aus Korea sowie ein indischer Sarod-Spieler.

Ein besonderes Glück dürfte für das Publikum sein, dass der Choreograf nach längerem wieder einmal selber mittanzt. Denn Cherkaoui ist selbst mit seinen heute 40 Jahren ein unwahrscheinlich präsenter, biegsamer Tänzer von einmaliger Ausstrahlung.

Im Stück «Fractus V» geht es um die Brüche zwischen Gesellschaft und Individuum, um Ungewissheiten angesichts einer sich überschlagenden Informationsflut zwischen behaupteter Objektivität und Manipulation. Wie neutral ist unser Denken eigentlich? So intellektuell sich das in der Kürze anhört: die Tanzwelt von Cherkaoui verspricht tänzerische Überraschungen, einen Kosmos schlagkräftiger wie poetischer Bilder. Wunderbar wuchernd zwischen Tanz, Sprache und Musik.

Sendung: SFR 2 Kultur, Kultur kompakt, 06.04.2016, 16:50 Uhr