Das war 2016 Die fünf besten Comics 2016

Absurditäten im DDR-Alltag, kolonialer Irrsinn und fiese Künstler-Klischees: Diese Themen wurden dieses Jahr mit Strich und Farbe kommentiert.

    • 1.
      Birgit Weyhe: «Madgermanes»
      Ein Ausschnitt aus dem Graphic Novel «Madgermanes». Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Ankunft auf dem Flughafen Berlin Schönefeld: Zwischen 1979 und 1989 lebten 20'000 Moçambiquaner in der DDR. Avant Verlag Berlin

      Auch in der DDR gab es Fremdarbeiter – sie kamen aus den sozialistischen Bruderländern der dritten Welt. Zwischen 1979 und 1989 lebten 20'000 Mozambikaner unter zum Teil kuriosen und entwürdigenden Lebensbedingungen in der DDR. In ihrer mehrfach preisgekrönten Graphic Novel «Madgermanes» rollt Birgit Weyhe die dramatische Geschichte der DDR-Mozambikaner mit Einfühlsamkeit, Humor und feinem Sinn für die kleinen und grossen Absurditäten im DDR-Alltag auf. Zum lebendigen Eindruck trägt Weyhes Bildsprache bei: Ihre schwarzweissen, mit einem warmen Goldton vertieften Zeichnungen muten vordergründig naiv an – doch überhöht Weyhe die Realität immer wieder durch die Verknüpfung allegorisch-ornamentaler Motive aus beiden Kulturen.

      Birgit Weyhe: «Madgermanes», Avant Verlag, 2016.

    • 2.
      Olivier Schrauwen: «Arsène»
      Ein Ausschnitt des Comics von Olivier Schrauwen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Olivier Schrauwen wurde 1977 in Brügge geboren und hat an der Hochschule Saint Luc in Brüssel studiert. Reprodukt Verlag

      In «Arsène Schrauwen» erzählt Olivier Schrauwen angeblich die Geschichte seines Grossvaters, der 1947 einen Dampfer in Richtung Afrika bestieg. Was beginnt wie eine klassische Abenteuergeschichte, rutscht schon bald ab in einen fiebrigen Alptraum voll grössenwahnsinniger, paranoider und abstruser Wahnvorstellungen um eine futuristische Metropole, die mitten im Dschungel gebaut werden soll. Diesem kolonialen Irrsinn verleiht der Belgier Schrauwen mit seinen reduzierten Zeichnungen und der ebenso abenteuerlichen wie kunstvollen, mit Symmetrien und Kontrapunkten spielenden Gestaltung seiner Seiten die kongeniale Form.

      Olivier Schrauwen: «Arsène Schrauwen», aus dem flämischen Niederländisch von Helge Letzi, Reprodukt Verlag, 2016.

    • 3.
      Smolderen und Clérisse: «Diabolischer Sommer»
      Ein Ausschnitt des Comics «Ein diabolischer Sommer». Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: «Ein diabolischer Sommer» erzählt die Geschichte einer Jugend. Der Comic besticht durch die grafische Umsetzung. Carlsen Verlag

      «Ein diabolischer Sommer» beginnt leicht und flockig wie ein sommerlicher Initiationsroman – da geht es um den Teenager Antoine, der im Sommer 1967 seine Jungfräulichkeit verlieren möchte. Unter der poppig-bunten Oberfläche jedoch herrscht die eiskalte Welt des Kalten Kriegs und seiner Spione und Gegenspione, Machtspiele und Intrigen. Dass das Verschwinden seines Vaters damit zusammenhängt, versteht Antoine allerdings erst zwanzig Jahre später. Der Autor Thierry Smolderen und der Zeichner Alexandre Clérisse spicken ihr Vexierspiel um Schein und Sein mit vielen Verweisen auf die Popkultur der 60er-Jahre. Vor allem zeichnerisch ist «Ein diabolischer Sommer» ein Vergnügen der Extraklasse.

      Thierry Smolderen, Alexandre Clérisse: «Ein diabolischer Sommer», Carlsen Verlag, 2016.

    • 4.
      Anna Haifisch: «Von Spatz/The Artist»
      Ausschnitt des Comics von Anna Haifisch: «Von Spatz/The Artist» Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Geboren wurde Anna Haifisch 1986 in Leipzig, dort hat sie auch studiert und heute ihr Atelier. Reprodukt

      Der Künstler in «The Artist» – ein vogelartiges Wesen, dünn, lang und weiss wie ein Geist – ist erfolglos, missgünstig, intrigant, ehrgeizig. Er würde alles tun für den Erfolg und tut dann doch nichts. Dann ist er überrascht über den nicht eintretenden Durchbruch, und seine Frustrationen wachsen; Schaffenskrisen lähmen ihn, Selbstzweifel plagen ihn, Abgabetermine bedrohen ihn, und nichts ist schlimmer als der Erfolg seiner Konkurrenten. In kurzen Schlaglichtern karikiert die junge deutsche Comic-Autorin Anna Haifisch mit wunderbar krakeligen Zeichnungen, grausamer Präzision und fiesem Humor Kunstwelt und Künstlerexistenzen und lässt kaum ein Klischee aus.

      Anna Haifisch: «The Artist», Reprodukt, 2016.

    • 5.
      Rodolphe Töpffer: «Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois..»
      Ein paar Comics von Rodolphe Töpffer. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Schweizer Zeichner und Novellist Rodolphe Töpffer wurde von Goethe für seinen Witz und Einfallsreichtum gelobt. Avant Verlag

      Die wichtigste Wiederveröffentlichung würdigt den Genfer Comic-Pionier Rodolphe Töpffer (1799-1846). Die humoristischen und flüssig erzählten Bildergeschichten, die Töpffer im frühen 19. Jahrhundert schuf, gelten heute als die ersten modernen Comics. Seine Satiren etwa der romantischen Empfindsamkeit oder des selbstzufriedenen Bürgertums setzte er in einem skizzenhaft karikierenden und sehr dynamischen Strich um. Töpffer war der Erste, dessen Bildfolgen tatsächlich «erzählen» und nicht nur «illustrieren». Goethe jedenfalls war begeistert: «Es ist wirklich zu toll!», rief er angesichts von Töpffers Protocomics aus. «Es funkelt alles von Talent und Geist!» Umso erfreulicher, dass Töpffer zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit einer fundierten deutschen Ausgabe gewürdigt wird.

      Rodolphe Töpffer: «Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten», Avant Verlag, 2016.