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Kaum Frauen als Expertinnen in der Corona-Krise
Aus Kultur-Aktualität vom 30.04.2020.
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Fehlende Corona-Expertinnen «Das ist ein herber Rückschlag für die Gleichstellung»

Männer dominieren die öffentliche Debatte als Corona-Experten. Wo sind die Expertinnen? Die Geschlechterforscherin Tina Büchler sieht den Hauptgrund darin, dass Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen untervertreten sind.

Tina Büchler

Tina Büchler

Geschlechterforscherin

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Tina Büchler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Lehre & Forschung am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung IZFG der Universität Bern.

SRF: Gibt es Zahlen, die belegen, dass beim Thema Corona weniger Expertinnen zu Wort kommen?

Tina Büchler: Marcel Salathé, Christian Althaus, Marcel Tanner und Manuel Battegay – das sind die Köpfe dieser Pandemie in den Medien. Eine der wenigen Frauen, von der ich ab und zu in der Zeitung gelesen habe, ist Biostatistikerin Tanja Stadler.

Wie ist die Covid-Expertengruppe, Link öffnet in einem neuen Fenster zusammengesetzt, die der Bundesrat ins Leben gerufen hat?

Es gibt zehn Gremien zu verschiedenen Disziplinen mit insgesamt 51 Experten und Expertinnen. Davon sind etwa 25 Prozent Frauen. Drei Frauen leiten ein Gremium.

Beim Thema Corona sind vor allem Epidemiologen, Virologen und Statistiker gefragt. Gibt es in diesen Disziplinen vielleicht einfach weniger Frauen?

Das hat schon was. Ein Blick auf die Websites entsprechender Institute lässt darauf schliessen, dass der Frauenanteil in diesen Fachgebieten bei etwa 30 Prozent liegen könnte. Je höher es geht auf der Hierarchieleiter, umso weniger Frauen hat es: Professorinnen gibt es schon viel weniger, ganz selten sind Institutsdirektorinnen.

Trotzdem sehe ich auch die Medien in der Verantwortung: Es gibt auch Frauen in diesen Fachgebieten – und die sollten öfter zu Wort kommen.

Die Message, dass in der Krise der Mann ran muss, ist problematisch.

Als Medienschaffende machen wir oft die Erfahrung, dass Frauen häufiger absagen als Männer. Auch wenn sie die gleiche Expertise haben, sind sie oft viel zurückhaltender. Welche Rolle spielt es, dass Frauen ihre Fachkenntnisse weniger offensiv «verkaufen»?

Das mag ein Faktor sein. Den Hauptgrund für die wenigen Expertinnen in der Corona-Krise sehe ich aber in der Struktur des Wissenschaftsbetriebs: In leitenden Funktionen gibt es zu wenig Frauen. Karrierebewusste Wissenschafterinnen werden zu wenig gefördert und dadurch gibt es für Nachwuchswissenschafterinnen auch zu wenige Vorbilder.

Das Fehlen der Corona-Expertinnen ist ein herber Rückschlag für Gleichstellungsbemühungen der letzten Jahre.

Was sagt die Geschlechterforschung zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit: Gelten männliche Experten als glaubwürdiger?

In Krisen gibt es vermehrt den Wunsch nach starker Führung und klarer Kommunikation. Eigenschaften wie Vernunft und Rationalität sind gefragt, ebenso nüchterne naturwissenschaftliche Expertise. Diese Eigenschaften sind hierzulande noch ganz klar männlich konnotiert.

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Frauen in wissenschaftlichen Karrieren immer noch die Ausnahme
Aus Tagesschau vom 08.03.2019.
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Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Männer uns in dieser Krise die Situation erklären?

Ich finde es hochproblematisch, wenn die Message vermittelt wird: Sobald es um die Wurst geht, müsssen Männer ran.

Das sind Bilder, die sich in den Köpfen festsetzen und lange nachwirken. Es ist ein herber Rückschlag für Gleichstellungsbemühungen der letzten Jahre.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 30.4.2020, 17:10 Uhr ;

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Claudia Hofmann  (Claudia Hofmann)
    Es geht doch ganz einfach auch um die Vorbildfunktion! Hört man als Mädchen und junge Frau bereits Expertinnen sprechen, sieht man sie in ihrer Funktion als Chefinnen, hat das ganz konkret positive Auswirkungen auf diese Berufswahl, auf das sich Zumuten einer solchen Funktion! Das Auftreten und Sichtbarmachen der Frauen in männerdominierten Berufen und Positionen sollte mit der Zeit ganz normal sein. Das ist das Ziel, bis dahin braucht es Unterstützung der fähigen Berufsfrauen.
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    1. Antwort von Martin Egger  (Martin Egger)
      Den Mangel an weiblichen Vorbildern kann man nicht wegreden. Dies beeinflusst aber nur die Berufswahl, nicht die Berufschancen. Durch die weiblichen unter meinen Lehrenden fühlte ich mich genauso gut unterstützt wie durch die männlichen.
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    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Natürlich sollte es mehr Frauen geben, das ist wohl unbestritten. Der Einfluss von Vorbildern des gleichen Geschlechts wird in meinen Augen aber auch überbewertet. Warum sollen sich Jungen immer an Männern und Mädchen an Frauen orientieren? Das ist doch genauso Wischiwaschi wie was typisch männlich und was typisch weiblich ist. Ich wurde ja auch nicht Verkäufer wie mein Vater, sondern Pfleger.
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Natürlich sollten man auch bei einer Expertengruppe schauen das die Geschlechter angemessen vertreten sind. Aber seien wir ehrlich, schlussendlich ist es nicht wirklich Wichtig ob die rettende Info von einer Frau kam oder von einem Mann.
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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Bin etwas überrascht: nicht über die Kritik, mehr über die Art und Weise. Eine Anmerkung: ich bin auch der Meinung, dass alle möglichen Forschenden konzentriert an der Arbeit sind. Bin auch froh, dass bereits seit Wochen diese (Zwischen)ergebnisse vom/beim BAG gesammelt/koordiniert werden. Meine Kritik geht an die Experten(90%m;u65!), die vor dem nächstbesten Mikro in der Oeffentlichkeit "ihr Ding" (er)klären; Kritik geht an die Medienschaffenden! Es gäbe genug ExpertInnen des Alltags!
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