Dem Vergessen zusehen – Demenz im Film

Demenz ist eine grosse Herausforderung: für Betroffene, ihre Angehörigen – und auch für Filmemacher. Schmal ist der Grat zwischen einfühlsamem Drama und Kitsch. Das Thema Demenz erscheint vermehrt auf der Leinwand, vom persönlich gefärbten Dokfilm bis zur Hollywood-Produktion. Ein Querschnitt.

Weltweit leiden 47 Millionen Menschen an Demenz, und die Zahl steigt rapide: Experten rechnen im Jahr 2030 bereits mit 74 Millionen. In der Schweiz ist Demenz zudem der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit im Alter. Für Angehörige von Demenzkranken bedeutet dies oft enorme psychische und körperliche Belastungen.

Filme können sensibilisieren

Die Filmindustrie scheint sich den tragischen Seiten der Volkskrankheit Demenz wohlbewusst. Immer wieder schafft sie es, durch bewegte Bilder die Leiden der Betroffenen und die Nöte des Umfeldes bedrückend greifbar zu machen.

Wie wichtig dies ist, betonte auch die letztjährige Oscar-Preisträgerin Julianne Moore, die damals für ihre Rolle der demenzkranken Alice Howland in «Still Alice» geehrt wurde. Durch Filme über Demenz würden betroffene Menschen endlich gesehen und nicht mehr alleine dastehen, so Moore. Filme nehmen tatsächlich eine wichtige Rolle ein, wenn es darum geht, ein breites Publikum für ein Thema zu sensibilisieren.

Filme, die das Thema Demenz exemplarisch behandeln:

    • 1.
      USA: Still Alice, 2014
      Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
      Video «Ausschnitt aus «Still Alice»» abspielen

      Ausschnitt aus «Still Alice»

      1:24 min, vom 9.3.2016

      Anfangs sind es nur Kleinigkeiten. So vergisst die anerkannte Linguistin Alice Howland während ihrer Vorlesung gewisse Fachbegriffe. Als sie aber beim Joggen auf dem Campus die Orientierung verliert, beginnt sie sich Sorgen zu machen. Ihr Neurologe präsentiert ihr daraufhin die niederschmetternde Diagnose: Mit ihren 50 Jahren leide sie an einer Frühform von Alzheimer.

      Die Geschichte basiert auf dem Bestseller der amerikanischen Neurologin Lisa Genova. Mit der Verfilmung dieses Buches beweist sich Hollywood als Seismograph der Gesellschaft, der brisante Themen auf die Leinwand bringt. Für ihre Leistung als Alice Howland erhielt Julianne Moore den Oscar für die beste Hauptdarstellerin.

      Auf ausserordentlich ergreifende Art stellt Moore das persönliche Ringen mit der Krankheit und den Charakterwandel dar, den eine an Demenz erkrankte Person schlussendlich durchläuft. Besonders eindrücklich ist die Szene, in welcher Alice beim Joggen die Orientierung verliert. Daraufhin nimmt sie sich selbst mit einer Kamera auf, dreht sich eine Anleitung zum Suizid.

    • 2.
      Deutschland: Honig im Kopf, 2014
      Regie: Till Schweiger, Lars Gmehling
      Ein Mädchen hilft einem ältern Mann beim Zähneputzen mit einer elektrischen Zahnbürste. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Szene aus: «Honig im Kopf». Warner Bros.

      Die von Til Schweiger geschriebene Tragikomödie «Honig im Kopf» versucht die Demenz des ehemaligen Tierarztes Amandus mit kindlicher Frische zu präsentieren. Tilda – Schweigers Tochter in realis, wie auch auf der Leinwand – entführt ihren kranken Opa nach Venedig, um ihn vor dem Pflegeheim zu retten. Ein Familienfilm, der ein ernstes Thema knapp am Kitsch vorbei und wohl etwas zu märchenhaft darstellt, aber darin dennoch verständig und empathisch bleibt. Ein Versuch, der Verzweiflung ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

    • 3.
      Deutschland: Vergiss mein nicht, 2012
      Regie: David Sieveking
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      Ausschnitt aus «Vergiss mein nicht»

      1:38 min, vom 9.3.2016

      Der Regisseur und Dokumentarfilmer David Sieveking beschloss, seiner Mutter Gretel ein Denkmal zu errichten. Über zwei Jahre lang begleitete er die an Alzheimer erkrankte Mutter mit der Kamera und realisierte so einen in seiner Authentizität sehr berührenden Film über eine liebenswürdige Person.

      Sieveking nutzte die Chance in der Krise: Er schweisste durch sein Projekt neue Banden innerhalb seiner Familie und zeigt damit, welche Möglichkeiten eine solche Krankheit in ihrer Endgültigkeit in sich birgt. Im speziellen illustrativ und haarsträubend ist die Szene, in welcher der Sohn David mit der kranken Mutter frühstückt und ihr vom Telefonat mit ihrem Mann Malte, seinem Vater, erzählt. Dieser ist 24 Stunden zuvor abgereist, die Mutter kann sich bereits nicht mehr an ihn erinnern.

    • 4.
      Schweiz: Nebelgrind, 2012
      Regie: Barbara Kulcsar
      Ein älterer Mann mit halboffenem Hemd, neben im sitzt ein jüngerer Mann, sie sehen sich vertraut an. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Szene aus «Nebelgrind». Zodiac

      Der Schweizer Spielfilm zeigt eine Willisauer Bauernfamilie, in welcher der verwitwete Grossvater Karli für Unmut sorgt. Seine zunehmende Vergesslichkeit und die daraus resultierenden Folgen belasten die ihn pflegende Schwiegertochter Fränzi stark. Als diese für zwei Wochen in die Erholungsferien fährt, bemerkt der Sohn, wie die geistigen Fähigkeiten seines Vaters zunehmend verblassen, und er kommt bald an seine nervlichen Grenzen. Ein schweizerischer Spielfilm zur Demenz-Problematik, mit Happy-End.

    • 5.
      USA: The Notebook, 2004
      Regie: Nick Cassavetes
      Eine junge Frau und ein Mann, am Strand herumtollend. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Szene aus «The Notebook». Warner Bros.

      Was, wenn die grösste Liebe durch unheilbare Krankheit auf die Probe gestellt wird? Dies ist das Leitthema des 2004 verfilmten Romans von Nicholas Sparks. Die Liebesgeschichte zwischen der reichen Allie Hamilton (Rachel McAdams) und dem Landjungen Noah Calhoun (Ryan Gosling) spielt in den 1940er-Jahren in South Carolina. Sie beruht auf wahren Begebenheiten und ist gleichermassen herzzerreissend wie wunderbar.

      Der Film illustriert den fortwährenden Versuch von Noah gegen Allies erbarmungslosen Schleier des Vergessens anzukämpfen. Die Geschichte zeigt auf eindrückliche Weise, was es bedeutet, auf der Suche nach einem Menschen zu sein, der sich selber als Person zwar schon längst vergessen hat, den man aber noch immer liebt.

    • 6.
      Grossbritannien: Iris, 2001
      Regie: Richard Eyre
      Judi Dench im Vordergrund, hinter ihr Kate Winslet, beide in ihrer Rolle als Iris. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Szene aus «ris». Rialto Film

      «Iris» ist ein Film über das Leben der bekannten und brillianten englischen Schriftstellerin Iris Murdoch. Der Film folgt dem Buch «Elegie für Iris». Geschrieben wurde es von Murdochs Mann, dem Kritiker John Bayley.

      Kate Winslet und Judi Dench teilen sich die Rolle der Iris: die eine als junge, frivole Frau, die andere als ältere, erst sehr erfolgreiche, dann der Krankheit erliegende Dame. Die Geschichte erzählt von einer offenen und intelligenten Studentin, deren erotische Eskapaden ihr Mann sein Leben lang ertragen hat. Und wie er sie schliesslich doch an den Widersacher Alzheimer verliert. Ein Zeugnis für die Fragilität menschlicher Existenz und Exzellenz.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 20.03.2016 11:00

    Sternstunde Philosophie
    Demenz: Bericht aus dem Land des Vergessens

    20.03.2016 11:00

    Die Vorstellung ängstigt viele: Unter Demenz zu leiden, der Krankheit, die nach und nach jede Erinnerung löscht. Bin ich dann noch ich? Was empfindet jemand, der nichts mehr denken kann? Michael Schmieder gilt seit 30 Jahren als Pionier in der Demenzbetreuung. Mit ihm spricht Stephan Klapproth.