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Film & Serien Die unglaubliche Geschichte der jahrelang eingesperrten Brüder

Fast ohne Kontakt zur Aussenwelt sind sechs Brüder und ihre Schwester in einer New Yorker Sozialwohnung aufgewachsen, nur der Vater hatte einen Wohnungsschlüssel. Der Kino-Dokumentarfilm «The Wolfpack» erzählt, wie die Kinder ihren Verstand behielten – und schliesslich die Freiheit eroberten.

Die Geschichte von Bhagavan Angulo und seinen Geschwistern ist kaum zu glauben. Aber die ruhige Art, wie der heute 23-Jährige auf seine Kindheit zurückblickt, ist faszinierend. Und glaubwürdig.

«Unsere Eltern haben uns nicht ermutigt, mit der Aussenwelt zu kommunizieren», sagt er. Das klingt für Aussenstehende beschönigend – zumal, wenn man hört, dass nicht einmal ihre Mutter einen Wohnungsschlüssel hatte, sondern nur der Vater.

Die Gefahren der Grossstadt

Legende: Video Mit Fantasie gegen den Vater: «The Wolfpack» abspielen. Laufzeit 03:50 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 30.09.2015.

Die Eltern, Rockmusiker Oscar Angulo, ursprünglich aus Peru, und seine US-amerikanische Frau Susanne sind späte Hippies: Sie reisten, sie lebten in einem Hare Krishna-Center in Virginia und sie wollten schliesslich mit ihren Kindern nach Skandinavien auswandern.

New York war nur als Zwischenstation gedacht. Um die Kinder nicht den Gefahren der Grossstadt auszusetzen, verliess in der Regel nur der Vater die Wohnung. Die Mutter liess sich als Lehrerin registrieren und unterrichtete ihre Kinder ganz legal via Home-Schooling.

Eine eigene Welt erschaffen

«Wir Kinder bildeten unsere eigene Gemeinschaft», sagt Bhagavan Angulo, «wir waren wie ein eigener Stamm». Wie die Welt draussen funktionieren könnte, lernten sie aus tausenden von Filmen auf DVD, die der Vater nach Hause brachte. Bhagavan Angulo: «Die Filme halfen uns, eine eigene Welt zu erschaffen.»

Das taten die Brüder mit Einfallsreichtum und Leidenschaft. Aus Karton und Joghurtbechern, mit Stoff und Farbe bastelten sie sich Kostüme und spielten die Filme nach: Reservoir Dogs von Quentin Tarantino, Horror und Fantasy-Filme, spielerisch, aber voller Hingabe.

«Keiner von uns drehte durch»

Schliesslich schlich sich Mukunda Angulo heimlich aus dem Haus, und animierte dann seine Geschwister zu gemeinsamen Ausflügen in den Park. Das Wolfsrudel formierte sich – und verweigerte schliesslich dem Vater den Gehorsam.

Legende: Video Trailer von «The Wolfpack» abspielen. Laufzeit 01:33 Minuten.
Aus Kultur vom 08.10.2015.

Die junge Filmemacherin Crystal Moselle traf vor rund fünf Jahren zufällig auf die langhaarigen, aufeinander eingeschworenen Jungs. Sie wurde neugierig und weckte im Gegenzug die Neugierde der Angulo-Kinder, als sie sagte, sie mache Filme. Damit begann die Geschichte der Selbstbefreiung. Und die Geschichte eines Dokumentarfilms, der ganz von seinen friedfertigen, liebenswerten, seltsamen Protagonisten lebt.

Menschlichkeit, Humor und leises Grauen

Vieles wird nicht erzählt, etliches ausgespart. Manchmal kommt gar der Verdacht auf, die Filmemacherin sei naiver an das Projekt herangegangen als ihre Protagonisten. «Die meisten Leute wären in einem Leben wie unserem wohl verrückt geworden», sagt Bhagavan, «aber keiner von uns drehte durch».

Die seltsame, von Filmen und Fantasie, Menschlichkeit und Humor, und manchmal auch von leisem Grauen geprägte Geschichte fasziniert – und die überraschende Reflektiertheit der Angulo-Brüder füllt die Lücken, die der Film auf den ersten Blick offen lässt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 7.10.2015, 16:20 Uhr

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