Die Venezianer und «ihr» Kino

Die «Mostra Internationale d'arte cinematografica» neigt sich ihrem Ende zu. Viel mehr als Cannes und Berlin ist Venedig ein Publikumsfestival: Die öffentlichen Vorstellungen sind fast immer ausverkauft, auch am Vormittag und spät am Abend. Wie aber stehen die Venezianer selbst zu «ihrem» Festival?

Eine Menschenschlange steht auf dem Markusplatz - gespiegelt in einer Pfütze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Menschenmassen stehen während des Filmfestivals in Venedig Schlange – zu jeder Zeit und in den grössten Pfützen. Keystone

Eines muss ich hier zuerst klären: die topographischen Begebenheiten der Stadt Venedig. Die Stadt liegt auf einer Sumpfinsel in der Lagune, um sie herum gruppieren sich lauter kleine Inseln mit winzigen Orten wie Murano, Burano, mit Klöstern oder ehemaligen Siechenhäusern. Und davor liegt quasi als abschliessender Riegel eine schmale und sehr langgezogene Insel.

Der ganze Lido ist Mostra

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Figure Veneziane

Venedig verkomme zum Disneyland, liest man, das «echte» Leben finde man nicht mehr. SRF-Filmredaktorin Brigitte Häring erlebt das anders: Sie macht sich in Venedig auf die Suche nach Menschen und Geschichten im Festivaltrubel.

Das ist der Lido di Venezia, hier sind die langen Strände der Stadt, hier stehen die grossen prächtigen Villen und Luxushotels der Jahrhundertwende. Im «Grandhotel des Bains» hat Thomas Mann seinen «Tod in Venedig» geschrieben und im Hotel Excelsior steigen noch immer die grossen Stars des Filmfestivals ab. Auf dem Lido gibt’s Strassen, es fahren Autos, Busse, Fahrräder.

Der Lido ist nicht Venedig. Verwaltungstechnisch schon – atmosphärisch hingegen ganz und gar nicht. Für die Dauer des Filmfestivals ist der ganze Lido nur «Mostra» – jedes Zimmer, jedes Hotel ist mit Filmfestivalgängern besetzt, jedes Velo auf der Insel vermietet. Sogar der Betreiber eines Strandcafés hat dieses für die Dauer des Festivals in eine Kantine für Akkreditierte umgebaut.

Keine Kinostadt

Und in Venedig? Wüsste man nicht, dass auf dem Lido das grosse Filmfestival stattfindet, man würde es glatt übersehen. Sascha, der bei mir in der Pension die Zimmer macht und seit Jahren in Venedig lebt, sagt, er sei noch nie dort gewesen, um sich einen Film anzuschauen. Auch von anderen Venezianern höre ich das. Und nur per Zufall erfahre ich, dass die Tochter meiner Vermieterin beim Film arbeitet und ihr Film am Festival in der kleinen Sektion vertreten ist.

Blick zwischen Häuserfassaden auf ein Kino in Venedig Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eines der wenigen Kinos in der Kunst-Stadt Venedig. SRF/Brigitte Häring

Venedig ist keine Kinostadt. Es gibt höchstens zwei oder drei Kinos, versteckt in den engen Gassen. Ich bin gestern per Zufall an einem vorbeigekommen. Und im Sommer werden auf dem Campo San Polo Filme im Freien gezeigt. Auch Festivalfilme übrigens. Aber da sitzen dann die Touristen.

Film- und Kunstwelt

In Venedig herrscht die Kunst. Nicht nur zur Biennale, die jetzt gerade stattfindet, auch sonst. Auf den Vaporetti prangt Werbung für diverse Ausstellungen und Kunstpavillons. Aber nirgendwo für das Filmfestival. Wenn ich morgens am San Marco das Vaporetto zum Lido besteige, dann kommt es mir manchmal vor, als überquere ich nicht nur die Lagune, sondern mache eine Reise in eine andere Dimension. Und am Abend fahre ich wieder zurück. Ich liebe die beiden Welten. Die Filmwelt auf dem Lido und die Kunstwelt in der Stadt.

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