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Film & Serien Diesen Künstler muss man kennen – obwohl es ihn nicht gibt

Ein kurzer Dokumentarfilm über einen englischen Künstler sorgt für Verwirrung. Der Schweizer Filmemacher Jonas Hegi erzählt in «The Artist» die Geschichte des erfolgreichen Künstlers Robert Rushkin. Aber den gibt es gar nicht.

Weisser Raum. Durch eine Türe sieht man eine grosse Skulptur im Nebenraum.
Legende: Glaubt man Robert Rushkins Website, so zeigte die Haward Gallery 1995 seine Skulptur «The Body». builders-club.com

«Was ist Realität?» fragt eine Stimme aus dem Off, während die Bilder den Künstler Robert Rushkin in der schönen südenglischen Küstenlandschaft zeigen. Rushkin erzählt, wie er schon als Kind Dinge erschaffen wollte, wie seine Ideen bei den Eltern auf Widerstand stiessen.

Rushkin erzählt von seinen Visionen. Und der Film zeigt die Werke, die der Künstler in den grossen Galerien dieser Welt präsentiert hat. Vermeintlich. Denn: Robert Rushkin gibt es nicht.

Ist es überhaupt wichtig?

Der Kurzfilm «Robert Rushkin» ist ein achtminütiges Mockumentary des Schweizer Filmemachers Jonas Hegi und des deutschen Motion Designers Julien Simshäuser. In bester Dokumentarfilmmanier begleitet der Film den Künstler – nur dass der sich durch eine erfundene Welt bewegt und Kunstwerke zeigt, die es nicht gibt.

Mann mit langem Bart
Legende: Der Mann, der sich als Künstler Robert Rushkin ausgibt, ist in Wirklichkeit Schauspieler. builders-club.com

Am Anfang des Projekts habe die Frage nach der Realität gestanden, erzählt Jonas Hegi. «Wir wollten wissen, wie einfach es im Zeitalter des Internets ist, eine Person zu erfinden, die dann im digitalen Raum zu leben beginnt. Wie wichtig ist es, ob die Person wirklich existiert?»

«Rushkin? Natürlich kenn ich den.»

Die Figur des Robert Rushkin sei eine Mischung mehrerer, extravaganter Künstler. «Wir schauten uns den Filmemacher Alejandro Jodorowsky an und wie er Interviews gibt. Ich bin ein grosser Fan, darum hatte ich ihn im Kopf. Gemischt vielleicht noch mit Joseph Beuys und Jeff Koons. So kriegt man eine eigenwillige Mischung.»

Die eigenwillige Mischung und das Auftreten als Dokumentarfilm taten schon an der ersten Vorführung ihre Wirkung. «Wir wurden unmittelbar von Leuten angesprochen, die noch keine Möglichkeit hatten, zu recherchieren. Viele behaupteten, Rushkin zu kennen.»

Da habe wohl auch die Angst vor einer Blamage mitgespielt, einen grossen Künstler nicht zu kennen, vermutet Hegi. Den Film veröffentlichten die Macher schliesslich im Internet auf vimeo.com, Link öffnet in einem neuen Fenster und im Online-Magazin «It’s Nice That», Link öffnet in einem neuen Fenster, das eingeweiht war. Im Netz konnte der Film seine Wirkung frei entfalten konnte.

Google sagt ja

Mehrere Plattformen verbreiteten das Video unkommentiert. In den Kommentarspalten lobten viele den gelungenen Film. Einige äusserten ihre Zweifel über die Echtheit und wieder andere vergnügten sich mit trockenen Kommentaren: «Ich finde Rushkin etwas überbewertet. Seine Installation in der Sammlung Boros ist spektakulär, aber nicht wirklich originär.»

«Viele User spielten offensichtlich mit. In Kommentaren behaupteten sie, gewisse Installationen tatsächlich gesehen zu haben», erzählt Hegi. Gibt man «Robert Rushkin» bei Google ein, findet man Spuren des vermeintlichen Künstlers. Dabei dürfte auch die falsche Künstler-Website, Link öffnet in einem neuen Fenster geholfen haben.

Rushkins Werke sind tatsächlich spektakulär. Spektakulär und digital: Sämtliche Skulpturen und die Museumsräume haben die Macher digital gebaut. Was ist denn aber da noch Realität? Der Zweifel an allem und der bildgewaltige Kurzfilm über einen erfundenen Künstler.

Filme über Künstler, die es nicht gibt, haben eine lange Tradition: «Mockumentarys» gaukeln uns Musiker und Kunstschaffende vor, die nicht existieren. Hier unsere vier Favoriten. Haben wir einen vergessen? Dann schreiben Sie uns unten in den Kommentaren.

Die 4 besten Kultur-Mockumentarys

  • 1. «This is Spinal Tap» (1984)

    Drei Männer mit langen Haaren und Gitarren auf einer Bühne
    Legende: Wo bitte geht's zur Bühne? Spinal Tap haben nicht immer den Durchblick, aber die Posen sitzen. Embassy Pictures

    Die Mutter aller Mockumentarys: «This is Spinal Tap» porträtierte 1984 eine Rockband – die war schlicht zu doof, um wahr zu sein. War sie auch nicht: «Spinal Tap» wurden für den Film erfunden, gingen nach dem Erfolg der Rock-Komödie aber tatsächlich auf Tournee. Im Film versucht die abgehalfterte Metal-Band ihr Comeback. Gigantische Egos, wenig Erfolg und noch weniger Hirn – die Bandmitglieder lassen kein Rockstar-Klischee aus, und sei es noch so bescheuert. Der Filmkritiker Roger Ebert sagte, «This is Spinal Tap» sei einer der lustigsten Filme aller Zeiten. Recht hat er.

  • 2. «Exit Through the Giftshop» (2010)

    Ein Mann mit Hut sitzt auf einem Stuhl.
    Legende: Gibt's den wirklich? Mr. Brainwash im Film von Banksy. Paranoid Pictures

    Ist das wirklich ein Mockumentary? Oder ist vielleicht doch alles wahr? Beim Streetart-Superstar Banksy weiss man es nie so genau. In seinem Film porträtiert er einen Künstler namens Mr. Brainwash – der zwar keine Ahnung von Kunst hat, den Kunstbetrieb aber umso besser begreift: Nahezu talentfrei wird er innert kürzester Zeit zum Star, der gigantische Ausstellungen und noch grössere Verkaufssummen landet. Clever mischt Banksy Wahrheit und Inszenierung und entlarvt damit den Kunstbetrieb, der blind jedem Hype nachrennt.

  • 3. «Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte» (2012)

    Drei Männer mit langen Haaren in violetten Anzügen
    Legende: Sowas wie Kraftwerk mit langen Haaren: Fraktus. Powerline Agency/Kerstin Behrendt

    Wer hat Techno erfunden? Das war die deutsche Gruppe «Fraktus», behauptet der gleichnamige Film. Gespielt werden die Technopioniere unter anderem von Heinz Strunk und Rocko Schamoni. Als Zeugen für die Genialität der erfundenen Truppe treten Musikgrössen wie Dieter Meier oder Blixa Bargeld auf. Im Film versuchen Fraktus lange nach ihrer Trennung in den 1980ern ein Comeback – insofern ist «Fraktus» eine deutsche Neuauflage von «This is Spinal Tap». Und auch Fraktus traten nach dem Film wirklich auf, genau wie Spinal Tap.

  • 4. «I’m Still Here» (2010)

    Mann mit langem Bart und Sonnenbrille
    Legende: Joaquin Phoenix will Rapper werden und lässt sich als erstes mal einen Bart wachsen. Magnolia Pictures

    Ist der wirklich so? Oder tut der nur so? Der Schauspieler Joaquin Phoenix beschliesst plötzlich, den Beruf zu wechseln und Rapper zu werden. Der Film «I’m Still Here» begleitet ihn auf diesem Weg, der alles andere als leicht ist. Denn Phoenix kann nicht rappen und ist ein ziemlicher Wirrkopf. Nuschelnd und mit Vollbart trifft sich Phoenix mit Puff Daddy und tritt in Talkshows auf. Überall macht er sich zur Witzfigur. Der Film von Casey Affleck lässt offen, was echt ist und was gespielt. In erster Linie zeigt «I’m Still Here», wie sich ein hämisches Publikum spöttisch am Scheitern eines Querkopfes ergötzt. Das Mockumentary ist verwirrend – und trotzdem erhellend.

Zur Person

Der Schweizer Filmemacher Jonas Hegi lebt in London. Zusammen mit dem Motion Designer Julien Simshäuser gründete er die Produktionsfirma Builders Club und schuf «Robert Rushkin – The Artist».

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