Edward Snowden: Die Welt hält er nicht mehr an

Er kann nicht mehr weg aus Russland. Weg vom Fenster ist er deswegen noch lange nicht. Edward Snowden heute: Das sind Tweets im Minutentakt und stundenlange Video-Auftritte an IT-Messen. Aber was hat der Whistleblower noch zu sagen? Eine Ferndiagnose.

Das Gesicht eines Mannes mit Kopfhörern im Ohr auf einem Screen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Alle werden immer ganz ehrfürchtig, wenn er aus Moskau zugeschaltet wird»: Edward Snowden, Dauergast. Keystone

  • Er ist zum Elder Statesman geworden, sagt Snowden-Kenner Philip Banse.
  • Twitter hat aus Edward Snowden einen globalen Intellektuellen werden lassen, meint Markus Beckedahl von «Netzpolitik.org».
  • Der frühere NSA-Mitarbeiter bleibt das Gesicht der Überwachungsdebatte.

Es war in Las Vegas: Der Kopf von Edward Snowden rollt auf die Bühne. Er steckt in einem Bildschirm, den dünne Beine auf Rädern tragen. «Einen Roboter können sie nicht festnehmen», scherzt der weltberühmte Whistleblower. Und dreht noch eine Runde.

Beam heisst das Ding, das Snowden aus sicherer Distanz an der Consumer Electronics Show vorführt – er sitzt weiter in Moskau fest. Entwickelt wurde der mobile Screen mit eingebauter Videokamera und Long-Distance-Fernsteuerung für Leute, die sich durch Räume bewegen wollen, in denen sie physisch gar nicht anwesend sind.

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Sendehinweise

SRF zeigt Laura Poitras' Dokumentarfilm Citizenfour am Donnerstag, 5. Mai 2016 um 22.25 Uhr auf SRF 1 und den Film Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt am Freitag, 6. Mai 2016 um 00:55 Uhr auf SRF 2.

Gesicht einer Debatte

Auch Philip Banse, Medien-Journalist und Podcaster, hat sich vor kurzem mal wieder einen Snowden-Showdown angeschaut. Bloss welchen? Banse kann sich nicht erinnern. Die Auftritte des früheren NSA-Mitarbeiters, er ist zumeist über Video-Schaltungen an Computermessen zu Gast, sind häufig geworden. Aber sie gleichen sich. «Seine Wortmeldungen haben noch immer Gewicht», sagt Banse. «Aber sie halten nicht mehr die Welt an.»

Kommt ganz darauf an, mit wem Snowden diskutiert, meint Markus Beckedahl. Dem Netzaktivisten und Chefredakteur von Netzpolitik.org ist ein Zusammentreffen mit Oscargewinnerin Laura Poitras in bester Erinnerung geblieben. Klar sei: «Snowden ist das Gesicht der Überwachungsdebatte. Und verdammt gut darin, komplizierte technische Sachverhalte auf den Punkt zu bringen.»

Schauplatz Hongkong

Aus Laura Poitras’ Dokumentarfilm «Citizenfour» stammt dieses Bewegtbild für die Ewigkeit: Ein blasser Brillenträger sitzt auf einem Hongkonger Hotelbett und muss erst seinen Namen buchstabieren, bevor er zwei Journalisten ein paar richtig schwierigere Wörter zuflüstert: XKeyscore, Prism, Tempora.

Filmkritik: «Citizenfour»

3:57 min, vom 18.2.2015

Dank Edward Snowden weiss die breite Öffentlichkeit heute: Nicht nur die amerikanischen Geheimdienste haben viel mehr private Daten abgegriffen als selbst der neurotischste Verschwörungstheoretiker sich je ausgemalt hatte. Die gute Nachricht: Dank Snowden spricht man heute selbst mit der eigenen Grossmutter über Verschlüsselung.

«Globaler Intellektueller»

Edward Snowden soll auch nach bald drei Jahren im Moskauer Exil kaum russisch sprechen. Verstummt ist er nicht: «Erst seit er auf Twitter präsent ist, ist er zum globalen Intellektuellen geworden», sagt Beckedahl. Über den Kurznachrichtendienst kann Snowden als Einzelperson ungefiltert kommunizieren und sich direkt in Debatten einmischen.

Jüngstes Beispiel «Panama Papers»: Kaum ist die erste Story online, schaltet Snowden sich ein. Spitzt zu. Präzisiert. Pinkelt auch mal dem britischen Premier ans Bein: «Seit wann interessiert sich David Cameron für die Privatsphäre?»

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Das Digitale Ich

Was bedeutet die Nutzung von Big Data und die Überwachung durch Geheimdienste wie die NSA für die Gesellschaft und für jeden von uns? SRF Kultur hat sich im Schwerpunkt Das Digitale Ich intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt.

Auch Philip Banse folgt Edward Snowden auf Twitter; er schätzt seinen leisen Humor. Meldet Snowden sich allerdings auf anderen Kanälen zu Wort, lässt Banse schon länger nicht mehr alles stehen und liegen.

«Elder Statesman»

Snowden lobt die US-Geheimdienstreform. Snowden warnt vor Sicherheitslücken bei Dropbox. Snowden macht Wahlkampf für Kim Dotcom. Snowden debattiert mit Noam Chomsky. Banse sagt: «Alle werden immer ganz ehrfürchtig, wenn er aus Moskau zugeschaltet wird. Aber von Snowden kommt nichts mehr Neues.»

Der Whistleblower erinnert Philip Banse zunehmend an einen Elder Statesman: «Seine Lebensaufgabe ist durch. Dafür wird er von den einen gehasst. Und von den anderen auf ewig heilig gesprochen.» Dass von Snowden nichts Neues mehr komme, sei allerdings nicht seine Schuld. «Er sagte in Hongkong als Erstes in die Kamera: Ich gebe euch das Material, und ihr entscheidet, was ihr damit macht.»

Ein Mann auf einem riesigen Screen über einer Zuschauern in einer Halle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Gesicht mit Gewicht: Snowden zeigt sich «in» Hamburg. Keystone

Zeichen setzen

Wird Snowden dereinst den fairen Prozess erhalten, für den er in die USA zurückkehren würde, wie er unlängst bekräftigte? Er wird noch eine Weile in Russland festsitzen, sagt Banse: «Aber anderer Präsident, andere Gesellschaft, alles anders? Durchaus denkbar, dass Snowden eines Tages mit grosser Geste nach Hause kommt.»

Markus Beckedahl gibt sich nach den jüngsten Urteilen gegen andere Whistleblower pessimistischer: «Da geht es eher um die Show als um den fairen Prozess. Man will ein Zeichen setzen.»

Edward Snowdens vorerst letztes Lebenszeichen, das um die Welt ging: Er hat mit dem französischen Musiker Jean Michel Jarre einen Technotrack eingespielt. Das ist nicht gerade das, was man von einem Elder Statesman erwartet. Der junge Mann scheint gerade dabei, die Kurve zum Popstar zu kriegen.