Film «Le confessioni» Ein Mönch narrt die politische Elite

Bei einem G8-Gipfel taucht eine Leiche auf: Der IWF-Chef wird in seinem Hotelzimmer gefunden, erstickt an einer Plastiktüte. Die Tüte gehört einem Mönch, der dem Toten zuvor die Beichte abgenommen hatte. Allen ist klar: Der Mönch weiss etwas. Doch der schweigt beharrlich.

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4 Fragen an Roberto Andò

3:30 min, vom 30.11.2016

Heiligendamm 2007: In einem streng abgeriegelten Kurhotel an der Nordseeküste treffen sich Minister der mächtigsten Nationen zu einem Wirtschaftsgipfel. Mit dabei sind auch ein Rockstar, eine Schriftstellerin und ein Mönch. Sie sollen den Ökonomen neue Perspektiven aufzeigen.

Der Tote in der Tüte

Der Chef des Internationalen Währungsfonds nimmt diese Möglichkeit schon am ersten Abend des Treffens in Anspruch und bittet den Mönch, ihm in seinem Hotelzimmer die Beichte abzunehmen. Der Mönch sagt zu.

Am nächsten Morgen findet man den Chef des Währungsfonds tot im Hotelzimmer – über seinen Kopf ist eine Plastiktüte gestülpt, er ist erstickt. Die Plastiktüte gehört dem Mönch.

Macht und Mord in einem abgeriegelten Hotel – die perfekte Ausgangslage für einen Krimi. Doch dafür interessiert sich der italienische Regisseur Roberto Andò bestenfalls am Rande. Stattdessen nutzt er diese Ausgangslage, um über Wirtschaft und Politik, über Leben und Tod zu philosophieren.

Ein schweigender Beobachter

Dreh- und Angelpunkt ist der schweigsame Mönch. Es handelt sich bei ihm um einen Kartäusermönch, der Besitzlosigkeit und Schweigsamkeit gelobt hat.

Ruhig zieht er durch das fast leere Hotel und beobachtet die Mächtigen. Manche von ihnen fühlen sich von dessen Verschwiegenheit und Undurchschaubarkeit provoziert, andere öffnen sich dem Gottesmann.

Ein Mönch in weisser Kutte, er hält sich einen Finger vor die Lippe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Besitzloser im Herzen des Kapitalismus: Toni Servillo als Mönch. Xenix

Toni Servillo als Mönch

Ein Aussenstehender inmitten der Macht: Dieses Motiv interessiert Andò sehr. In «Viva la Libertà» liess er den verrückten Zwillingsbruder eines italienischen Parteipräsidenten die Macht übernehmen, nun flüstert ein Mönch den Wirtschaftsministern ein.

In beiden Fällen spielt Toni Servillo den Aussenstehenden. Für «Le confessioni» hat Andò ihm eine prächtige Rolle geschrieben. Servillo gibt den gewieften Mönch nuancenreich, ihm zuzuschauen ist ein Genuss.

Schauspielergipfel

Der filmische G8 von «Le confessioni» ist ein Gipfeltreffen internationaler Schauspieler: Frankreich zum Beispiel wird von Daniel Auteuil vertreten, Deutschland von Moritz Bleibtreu, Dänemark von Connie Nielsen.

Die Darsteller sind fast durchwegs gezwungen, in Fremdsprachen zu sprechen. Nicht alle meistern das gleich souverän – wenn man beispielsweise den sonst ausgezeichneten Daniel Auteuil auf englisch sprechen lässt, tut man weder ihm noch dem Zuschauer einen Gefallen.

Philosophische Dialoge

Der Zuschauer ist ohnehin gefordert. Die philosophischen Dialoge sind zahlreich – und ziemlich dicht. «Wir nehmen der Welt die Hoffnung, geben wir ihnen wenigstens Illusionen» heisst es etwa auf die Frage, was ein Rockstar am G8 verloren hat.

Acht Personen stehen nebeneinander und posieren für ein Foto. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schauspieler-Gipfeltreffen: Die Minister in «Le confessioni» Xenix

Solche Sätze sind immer bedeutungsschwanger, aber nicht immer prägnant. Oftmals bleiben sie vage. Genauso wie einige Figuren – im grossen Reigen der Charaktere bekommt nicht jede Figur Tiefe.

Immerhin führt die spannende Ausgangslage an einen grossartigen Schauplatz. Der Film fängt das Luxushotel im Ausnahmezustand in prächtigen, zuweilen surrealen Bildern ein. Wie einst Merkel, Bush und Sarkozy etwa sitzen die Minister von «Le confessioni» entrückt in Strandkörben.

Weisheit oder Bluff?

Und einmal stürmen entblösste Femen-Aktivistinnen das Hotelgelände – ein Zwischenfall ohne Folgen, beobachtet vom schweigenden Mönch. Sein Blick verrät: Er weiss mehr als wir. Oder ist das nur ein Bluff?

Weisheit und Hochstapelei sind zuweilen kaum auseinanderzuhalten, das müssen die Minister im Film einsehen. Und auch den Zuschauern von «Le confessioni» beschleicht dieses Gefühl immer wieder.

Kinostart: 1.12.2016