«Eisenstein in Guanajuato»: Ein Kandidat für einen Berliner Bären

Peter Greenaway gibt ein Comeback – und was für eines! Sein Spektakel über den sowjetischen Künstler Eisenstein, der in Mexiko einen Revolutionsfilm drehen will, gleicht einem Feuerwerk. Ein tragikomisches Meisterwerk, das nicht nur seine Fans begeistern wird: Ein Berliner Bär wäre angemessen.

Mann sitzt auf Boden, mit weissem Totenschädel in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Finne Elmer Bäck gibt Eisenstein als verletzlichen, vor intellektueller Energie fast berstenden, traurigen Clown. Films Boutique

Peter Greenaway re-imaginiert Sergei Michailowitsch Eisensteins lange Monate in Mexiko, als der sowjetische Filmemacher und Montagepionier dort zu Beginn der 1930er-Jahre versuchte, den Revolutionsfilm «Que Viva Mexico!» zu drehen.

Nachdem der 73-jährige Waliser Greenaway dem frontalen Kino eigentlich schon abgeschworen hatte und die letzten Jahre vor allem mit multimedialen Installationen in Erscheinung trat, zeigt er nun überraschend – und überraschend gut gelaunt –, dass ihm auch zur digitalen Umnutzung der klassischen Kinomittel noch allerhand Verblüffendes einfällt.

Ein Spektakel wie ein Feuerwerk

Trailer zu «Eisenstein in Guanajuato»

1:42 min, vom 12.2.2015

Auch wenn Greenaway das erzählende Kino schon vor einiger Zeit als langweiliges Auslaufmodell denunziert hatte, erzählt er nun doch wieder eine Geschichte: die Geschichte des in der Sowjetunion eigentlich schon in Ungnade gefallenen, etwas über 30 Jahre alten, kindlich begeisterten und sexuell vollkommen uninitiierten Künstlers, der – finanziert von Hollywoods Salonlinken – in Mexiko unerwartet seine schwule Erweckung findet.

Mit dokumentarischem Bildmaterial, einem kompletten Orchester, Split-Screens, digitaler Ent- und Umfärbung und natürlich unzähligen, verblüffenden Montagen brennt Greenaway hier seinen Eisenstein ab wie ein Feuerwerk. Knapp zwei Stunden dauert das tragikomische, ausgesprochen liebevoll inszenierte Spektakel. Und man könnte problemlos zwei weitere Stunden lang zusehen.

Homoerotisches Stakkato voller Zärtlichkeit

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Die Berlinale

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin finden seit 1951 jährlich in Berlin statt. Als wichtigste Preise vergibt eine internationale Jury den «Goldenen Bären» für den besten Film und den «Silbernen Bären» in verschiedenen Kategorien. Die 65. Berlinale findet vom 5. bis zum 15. Februar 2015 statt; gezeigt werden rund 400 Filme.

Der Finne Elmer Bäck gibt Eisenstein als verletzlichen, scheuen, aufbrausenden und vor intellektueller Energie fast berstenden, traurigen Clown mit grossen Charme-Reserven. Und Greenaway lässt nicht nur auf ihn, sondern auch auf das Publikum ein homoerotisches Stakkato los, das mit seiner Direktheit eben so verblüfft, wie es mit Humor und Zärtlichkeit einnimmt.

«Eisenstein in Guanajuato» ist durchaus ein Film für Cinéphile und Kenner der Filmgeschichte. Und wer Eisensteins Biografie kennt oder gar seine Autobiografie gelesen hat, ist im Vorteil. Aber Peter Greenaway hat den Film so unhermetisch wie möglich gestaltet.

Wer zum Beispiel nicht weiss, wer Diego Rivera und Frida Kahlo sind, wird mit ihrem Auftauchen wenig anfangen können – muss es aber auch nicht. Die wichtigsten Eckpunkte und Daten zu Eisenstein und insbesondere die Verbindungen zu seinen eigenen Filmen, werden alle ganz klar gemacht. Und dort, wo Greenaway zitiert, spielt es keine Rolle, wenn man die Zitate nicht erkennt.

Ein spätes Meisterwerk

Aber natürlich macht eine stehende Löwenstatue mehr Spass, wenn man sie mit «Panzerkreuzer Potemkin» in Verbindung bringt. Und natürlich ist der Zwicker, der immer wieder zerschmettert wird, auch ein Bild aus demselben Film. Dagegen wird das rhythmische Schlagen mit einem Schraubenschlüssel gegen einen Heizungskörper am Ende des Films ganz wörtlich erklärt.

Porträt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Regisseur Peter Greenaway. DigiDaan

Peter Greenaway ist eher unerwartet noch einmal ein meisterlicher Film gelungen, der wohl einige der alten Fans seiner frühen Werke wieder für ihn einnehmen wird und all seine schon bisher unerschütterlichen Apologeten zu einem lachenden «Ich hab’s immer gesagt» berechtigt. Ein Berliner Bär wäre angemessen.