Film-Tipp des Tages: «Der Junge mit dem Fahrrad»

Der zwölfjährige Cyril möchte unbedingt zu seinem Vater zurückkehren, der ihn vorübergehend in einem Kinderheim untergebracht hat. Als er ihn mit Hilfe der zufälligen Bekanntschaft Samantha findet, muss er der Realität ins Auge sehen: Sein Vater will sich nicht mehr um ihn kümmern.

Ein junge und eine Frau sitzen auf einer Wiese und essen Sandwiches Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Thomas Doret als Cyril Catoul, Cécile De France als Samantha SRF/Christine Plenus

Nachdem Cyril (Thomas Doret) einen Monat in einem Kinderheim zu Hause war, will er zurück zu seinem Vater. Als er diesen anruft, ist die Nummer aber nicht mehr vergeben. Die Heimleitung versucht den Knaben zu beruhigen, doch Cyril geht von der Schule weg und fährt mit dem Bus zu seiner ehemaligen Wohnung. Der Hauswart teilt ihm mit, dass sein Vater umgezogen sei. Mit Erschrecken stellt Cyril fest, dass auch sein geliebtes Velo nicht mehr da ist. Als ein paar Heimmitarbeiter auftauchen, flüchtet Cyril in eine Arztpraxis und klammert sich an eine der wartenden Patientinnen, die Coiffeuse Samantha (Cécile De France). Erst als Cyril mit dem Heimleiter seine ehemalige Wohnung betreten darf und sieht, dass sie leersteht, glaubt er, dass sein Vater ihn im Stich gelassen hat.

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Sendeplatz

Montagnacht um 00:45 Uhr auf SRF 1.

Neue Bezugsperson

Einige Zeit später besucht Samantha Cyril im Heim und bringt ihm sein Fahrrad, das er ihr beschrieben hatte und das sie bei einem Jungen in der Nachbarschaft gesehen und es ihm abgekauft hatte. Cyril fasst Vertrauen in Samantha und fragt, ob er sie am Wochenende besuchen dürfe. Samantha zögert zunächst. Die beiden versuchen, Cyrils Vater ausfindig zu machen. Als Samantha miterlebt, wie Cyril von seinem Vater (Jérémie Renier) zurückgestossen wird, hat sie Mitleid mit dem Knaben und nimmt ihn an den Wochenenden zu sich. Doch das ist keine einfache Aufgabe.

«Sozialarbeiter» des Kinos

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne legten 1996 mit «La promesse» ihren ersten international erfolgreichen Spielfilm vor, in dem es um illegale Einwanderer ging. Es folgten «Rosetta», «Le fils», «L'enfant» und «Le silence de Lorna», alles Filme, die sich mit dem Leben in den untersten Gesellschaftsschichten auseinandersetzten. Die beiden Brüder wurden deswegen mitunter die «Sozialarbeiter» des Kinos genannt. Auch «Le gamin au vélo» reiht sich hier thematisch ein, steht doch in seinem Zentrum ein schwieriger, unnahbarer Junge am Übergang zur Pubertät, der mit einer brutalen Realität konfrontiert wird: Sein Vater will nicht mehr zu ihm schauen. Wie von den Brüdern gewohnt, ist das Milieu der Figuren äusserst präzis dargestellt. Im Vergleich zu älteren, düsteren Dardenne-Filmen ergibt sich in «Le gamin au vélo» aber eine geradezu versöhnliche Lösung für diesen Teenager, so dass der Film zwar bedrückend ist, aber ein Happy End verspricht.

Arbeit mit Laien als Spezialität

Cyril wird vom belgischen Kinderdarsteller Thomas Doret gespielt, der mit der Rolle sein Leinwanddebüt gab. Die einzige professionelle Schauspielerin am Set war Cécile De France, die in Belgien ein Star ist. Dass die Dardennes-Brüder, die sich auf die Arbeit mit Laien spezialisiert haben, keinerlei Probleme haben, mit Stars zu arbeiten, haben sie auch unlängst mit «Deux jours, une nuit» bewiesen, in welchem sie Marion Cotillard zu schauspielerischen Höchstleistungen gebracht haben.