Film-Tipp des Tages: «We Need to Talk About Kevin»

Eva und ihr Mann werden zum ersten Mal Eltern. Doch Eva verspürt kein Mutterglück, ihr Sohn kommt mit einer diabolischen Feindseligkeit ihr gegenüber auf die Welt. Aus dem Schreibaby wird ein renitentes Kleinkind, und als Kevin ein Teenager ist, haben seine Eltern komplett den Draht zu ihm verloren.

Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper zeigt apathisch auf den Betrachter des Bildes. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unheimlicher Sohn: Ezra Miller als Kevin. SRF/Praesens Film

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Sendeplatz

Donnerstagnacht um 00:05 Uhr auf SRF 1

Als die Autorin Eva (Tilda Swinton) und ihr Mann Franklin (John C. Reilly) zum ersten Mal Eltern werden, ziehen sie von der Stadt aufs Land, und Eva gibt ihre Karriere zu einem grossen Teil auf. Doch die frischgebackene Mutter empfindet kein Mutterglück, und ihr Sohn Kevin scheint sie vom ersten Tag an abzulehnen.

Kampf gegen die eigene Mutter

Als Baby schreit er ununterbrochen, als Kleinkind (Rock Duer) verweigert er sich seiner Mutter komplett und mit acht Jahren (Jasper Newell) macht er noch immer in die Windel. Als seine Mutter ihm bei einem hilflosen Wutausbruch den Arm bricht, deckt der Knabe sie beim Hausarzt, nur um den Vorfall fortan als Machtmittel gegen Eva zu gebrauchen. Seinem Vater und seiner kleinen Schwester gegenüber zeigt sich Kevin (als Teenager: Ezra Miller) als empathischer und gar lustiger Zeitgenosse. Für seine Mutter hat er nur Verachtung und Zorn übrig.

Doch Kevins Aggressionen bleiben nicht auf seine Mutter konzentriert. Als Teenager setzt er an seiner Schule einen teuflischen Plan um, dem viele seiner Mitschüler zum Opfer fallen. Eva muss mit der Tat ihres Sohnes und mit der Verachtung ihrer Mitmenschen leben. Dabei lassen sie die Gedanken an die Vergangenheit nicht los.

Führt fehlende Liebe zu amoklaufenden Teenagern?

Die schottische Filmemacherin Lynne Ramsay ist weit davon entfernt, mit «We Need to Talk About Kevin» eine psychologisch fundierte Ursachenforschung für einen Amoklauf zu liefern. Vielmehr zeichnet sie – fast ausschliesslich aus der Perspektive der Mutter – eine geradezu albtraumhafte Mutter-Sohn-Beziehung nach, welche die unangenehme Frage nach der natürlichen Gegebenheit von Mutterliebe aufwirft. Letztendlich ist es diese Frage, die unendlich schwer auf Evas Schultern lastet: Wäre ihr Sohn nicht zum Psychopathen geworden, wenn sie ihn mehr geliebt hätte?

Preisgekröntes Meisterwerk

Für ihren Film wurde Ramsay mehrfach ausgezeichnet, unter anderem bei den British Independent Film Awards. Ihre Hauptdarstellerin, die schottische Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton, konnte für die Darstellung von Eva ebenfalls mehrere Preise abräumen. Ramsay hätte die Rolle der Eva kaum besser besetzen können, Swinton spielt diese zurückgewiesene und hilflose Mutter auf beeindruckende Art und Weise. Ezra Miller, der Kevin als Teenager verkörpert, war ebenfalls ein Glücksgriff, ist er Swinton doch wie aus dem Gesicht geschnitten. Seinen diabolischen Blick dürfte man nicht so schnell vergessen. Miller war letztes Jahr auch in der Literaturverfilmung «Madame Bovary» zu sehen sein, an der Seite eines anderen Jungstars des amerikanischen Independent-Kinos: der Australierin Mia Wasikowska.