70. Filmfestival Cannes «Hikari» – Bilder, die zu wörtlich sind

Die Regisseurin Naomi Kawase verzichtet in «Hikari» auf ihre sonst so enigmatische, zurückhaltende Erzählweise. Das Resultat: Ein metaphorisch überladener Film, der manchmal ziemlich platt wirkt.

Eine Frau und ein Mann küssen sich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenige Male gelingt es der Regisseurin poetische Bilder zu kreieren. © filmcoopi

Naomi Kawase zählt seit Jahren zu meinen Cannes-Favoriten, ihre poetischen, wind- und lichtdurchzogenen Filme haben eine überaus persönliche Wirkung.

Aber mit «Hikari» hat sie auf ihre enigmatische, zurückhaltende Erzählweise verzichtet und fährt schon in der ersten Sequenz lebens- und kinometaphorisch ein.

Misako testet da ihre Film-Audiodeskription für Blinde mit einer Fokus-Gruppe. Der «Film im Film» transportiert immer wieder das zentrale Credo von Hikari: Nichts hat mehr Schönheit, als das, was vor unseren Augen verschwindet.

Nahaufnahme einer asiatisch aussehende Frau, die direkt in die Kamera blickt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ayame Misaki als Misako Ozaki, die versucht Bilder zu beschreiben, ohne Interpretation. © filmcoopi

Bilder ohne Interpretation

Der Wechsel zwischen Bildebene und Beschreibung irritiert. Man muss dauernd das Gehörte mit dem Gesehenen vergleichen. Der Wechsel irritiert doppelt, wenn man kein Japanisch versteht und Untertitel lesen muss.

Vergleichen tut auch die Fokus-Gruppe, die aus Blinden und schwer Sehbehinderten besteht. Für sie ist allerdings ausschlaggebend, ob die Deskription Bilder überhaupt entstehen lässt. Neutrale Bilder, Bilder ohne Interpretation.

Wer hat die Deutungsmacht?

Nakamori, ein Starfotograf, der sein Augenlicht rapide verliert, kritisiert Misakos Beschreibungen als zu aufdringlich und subjektiv.

Ein Mann im weissem Hemd, der an einer Wand lehnt. Er Blickt in Richtung Fenster. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Masatoshi Nagase als Nakamori, der sein Augenlicht verloren hat und eine neue Weltübersetzung finden muss. © filmcoopi

Da haben wir also den Fotografen, der die Welt in Bilder zu fassen wusste, bis er sein Augenlicht verlor. Den Filmemacher, der Gefühle und Erleben in Bilder und Töne giesst. Und die Beschreiberin, welche die filmische Umsetzung mit Worten wieder den Blinden vermitteln möchte.

Man kann das als Kreislauf der Interpretationen sehen, oder als Übersetzungsarbeit. Misako muss erst lernen, wie sie das so machen kann, dass es bei ihrem Zielpublikum funktioniert. Nakamori seinerseits verliert mit dem Augenlicht auch seine Fähigkeit des Weltübersetzens und muss eine neue finden – was allenfalls erklärt, warum er mit Misako besonders streng ins Gericht geht.

Zusatzinhalt überspringen

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

«Bilder, die etwas gar platt sind»

Die beiden finden sich schliesslich auf mehreren Ebenen, und Naomi Kawase gelingt es auch immer wieder, ihre eigene Kunstfertigkeit aufscheinen zu lassen, mit Bildern von Wind in Bäumen, oder einem Auto in der Landschaft.

Zuweilen aber werden die Bilder etwas gar platt, vor allem die Bilder im «Film im Film». Vielleicht hat Naomi Kawase das geahnt und diese Bilder ihrem fiktiven Regisseur untergeschoben. Etwa das einer aus Sand geformten nackten Frau am Strand, die natürlich alsbald spurlos verschwunden ist.

Eine Favoritin, die enttäuscht

Hikari ist metaphorisch überladen, ein Film, der vieles wörtlich nimmt und allzu vieles davon auch noch illustriert. Das dürfte durchaus Anklang finden bei einem empfänglichen Publikum. Aber es ist eine Abkehr von Naomi Kawases eigentlicher Stärke, dem Kreieren von eindringlichen, ruhigen, enigmatischen Bildsequenzen, wie in «Still the Water».