70. Filmfestival Cannes Joe tötet für einen guten Zweck

Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay zeigt in Cannes ihren Killer-Thriller mit Joaquin Phoenix. «You Were Never Really Here» ist ein intensives Kinoerlebnis, faszinierend und entsetzlich.

Ein bärtiger Mann mit Kappe trägt auf seinen Schultern ein blondes Mädchen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Um zu retten, tötet er: Joaquin Phoenix als Killer Joe. WhyNot Productions

Vor sechs Jahren zeigte Lynne Ramsay «We Need To Talk About Kevin» in Cannes. Der Film schildert die Schuldgefühle einer Mutter, deren Sohn in der Schule Amok lief. Die einstige Fotografin Ramsay bewies sich als immenses Talent aus Schottland. Bei ihr gerinnt die scheusslichste Wirklichkeit in starke, oft verstörende Bilder.

Zusatzinhalt überspringen

70. Filmfestival Cannes

An der Côte d'Azur fand zum 70. Mal der Wettstreit um die Goldene Palme statt. Hier finden Sie die wichtigen Filme, Hintergründe und Stars.

Mit Joaquin Phoenix in der Rolle des schweigsamen, leidenden Killers Joe hat sie nun beinahe einen Genre-Film gemacht. Allerdings einen, dessen Plot sie nur als Trampelpfad interessiert. Was wirklich passiert, findet sein Echo im massigen, vernarbten Körper und im Gesicht hinter dem grauschwarzen Bart von Joe.

Der Killer ist ein Befreier

Als Killer wird er schon in den ersten Bildern erkennbar. In einem schäbigen New Yorker Hotel räumt er in einem Zimmer auf. Blutige Kleiderfetzen liegen herum, ein Mädchen-Collier mit einem Namen, ein blutverschmierter Hammer. Wen er umgebracht hat, werden wir nie erfahren.

Warum der Mord geschah, wird allerdings nach einer Weile klar. Joe befreit entführte Mädchen. Im Auftrag ihrer Eltern holt er sie aus Kinderbordellen oder der Pädophilen-Abteilung eines Edelpuffs für Politiker. Er befreit die Mädchen und hinterlässt totgehämmerte Männer, Bodyguards und Zuhälter.

Joe hat in Queens eine fragile, liebenswürdige alte Mutter, mit der er in einer Art Symbiose lebt. Rückblenden deuten an, dass er und sie unter dem gewalttätigen Vater gelitten haben.

«You Were Never Really Here» - Filmausschnitt

1:29 min, vom 28.5.2017

«Mad Max» trifft «Léon»

Aber eben: Diese Rückblenden. Die Tonspur. Die Bilder. Lynne Ramsay hält das alles im Fluss, übergreifend. Da hört man immer wieder ein Mädchen rückwärts zählen. Joe hat Flashbacks, wie er als Soldat im Iran beobachtete, als ein Junge mit einer Pistole ein Mädchen erschoss. Der Junge wollte den Schokoriegel, den Joe dem Mädchen Minuten vorher zugesteckt hatte. Oder er erinnert sich, wie er bei einem FBI-Einsatz einen Lastwagen voller erstickter Asiatinnen fand.

Das Gerüst für Ramsays Film «You Were Never Really Here» kommt vom Killer-Thriller. Es ist die Geschichte vom guten Mann, der durch die Schlechtigkeit der Welt watet, um den letzten Rest Unschuld zu retten. Das ist «Mad Max», das ist, gegen Ende des Films, gar «Léon» von Luc Besson. Aber für Ramsay sind es die verknüpften Momente, die zählen.

Zusatzinhalt überspringen

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Perfekt durchkomponiert – aber wozu?

Der Augenblick des Erkennens bei dem Mädchen, das er rettet. Der Moment, in dem den Mörder seiner Mutter niederschiesst, ihm die Hand hält und mit dem Sterbenden «I’ve never been to me» singbrummelt. Komische oder ergreifende oder entsetzliche Momente, die im Fluss des Films auftauchen und im Wirbel wieder abtauchen.

Dieser Film ist dermassen durchkomponiert, von den Bildern über die Musik bis zur mehrfachen Tonspur und dem Sounddesign, dass man versucht ist, Plot und Figuren zu vergessen und sich einfach treiben zu lassen. Aber dafür passiert dann doch wieder zu viel, und zu viel Entsetzliches.

Es ist schwer zu sagen, wo Lynne Ramsay mit diesem Film hin wollte. Aber die Reise ist faszinierend und ihre Kunstfertigkeit unbestreitbar.