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71. Locarno Festival Mit dem Wind der Veränderung kann man Strom machen

Ein Paar will dank eigener Windturbine autonom leben. Dann bringt der guttaussehende Ingenieur, der das Windrad baut, die Beziehung ins Wanken. «Le vent tourne» von Bettina Oberli feierte gestern auf der Piazza Grande Premiere.

Legende: Video Der Wind dreht abspielen. Laufzeit 03:44 Minuten.
Aus 10vor10 vom 06.08.2018.

«C’est compliqué» meint Pauline, als Galina, das Ferienmädchen aus Russland, sie fragt, ob sie verliebt sei. «Non, c’est simple» widerspricht Galina. «You are in love – or you are not».

Diese drei Sätze bringen jedes Melodram auf den Punkt, jede Dreiecksgeschichte, jeden umgepflügten Lebensentwurf.

Eine junge fRau mit blonden Haaren vor blauem Himmel
Legende: Unterwegs zur vollständigen Autonomie: Pauline lebt mit ihrem Partner auf einem Baurnhof im Jura. Filmcoopi

Die älteste Geschichte

Bettina Oberli erzählt in «Le vent tourne» die älteste Geschichte des melodramatischen Kinos, so satt und unaufhaltsam, so bekannt und neu variiert, wie man es nach weit über 100 Jahren Erzählkino eben tun kann.

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

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Pauline (Mélanie Thierry) und Alex (Pierre Deladonchamps) haben sich auf ihrem kleinen Hof im Jura eingerichtet und träumen von einem Leben in natürlicher Autonomie. Auch wenn Paulines Schwester Mara, die örtliche Tierärztin, massive Probleme sieht: Alex will seine Kühe ohne Antibiotika und chemische Hilfsmittel durchbringen.

Und er will den Hof mit einer Windturbine völlig autonom machen. Den Aufbau der riesigen Turbine überwacht der Samuel (Nuno Lopes). Darum zieht der gutaussehende Ingenieur vorübergehend auf dem Hof ein.

Zwei Menschen – und ein Dritter

Natürlich dauert es kaum zehn Minuten, bis klar ist, wohin sich die Geschichte bewegen muss: «C’est compliqué.» – «Non, c’est simple.» Je einfacher die Geschichte, je klarer die Konstellation der Figuren, desto mehr Spielraum entsteht beim Erzählen, beim Aufladen, beim Umsetzen in Bilder.

Eine Frau steht auf einem roten Teppich und spricht mit Journalisten.
Legende: Regisseurin Bettina Oberli bei der Premiere auf der Piazza Grande. Locarno Festival/Marin Mikelin

Zusammen mit ihrem Kameramann und Lebenspartner Stéphane Kuthy hat Bettina Oberli eine Meisterschaft für diese Bilder entwickelt: Die Windturbine etwa dient als mehrdeutige Chiffre der Veränderung und der Störung. Und dann gibt es eine Western-ähnliche Autofahrt im dichten Nebel, die am Creux du Van endet.

Da befinden sich Pauline, Galina und Samuel plötzlich hilflos im undurchsichtigen Weiss, im Wissen darum, dass der nächste Schritt in den Abgrund führen könnte. Und suchen sich gegenseitig. Das ist Holzhammersymbolik, klar. Aber schön.

Eine Frau steht am Rand über einer steil abfallenden Felswand
Legende: Paulines Lieblingsort: Die imposante Klippe des Creux du Van. Filmcoopi

Zerstörung für einen Neuanfang

15 Jahre sind Pauline und Alex zusammen. Der Wind, der die Autonomie bringen soll, tut das auch, er dreht, die Geschichte dreht.

In den Vorspann stellt Bettina Oberli ein Zitat der Schriftstellerin Rebecca West: Nur ein Teil von uns sei bei Verstand und arbeite für die eigene Zukunft und die der Nachkommen. Die andere Hälfte sei beinahe verrückt, suche den Schmerz und die Zerstörung für den Neuanfang.

SRG-Koproduktion

Effizientes Kino

Dass Bettina Oberli dieses ganze Drama von hoffnungsvoll bis am Boden zerstört in 86 Minuten packen kann, zeugt von der Evolution des Kinos, von unserer Konditionierung, unserer Liebe zu den immer gleichen alten, neuen Geschichten von zwei Menschen und einem Dritten, einem Lebensentwurf und diesem Wind, der dreht.

Und gleichzeitig hat es in unserer neuen Zeit der endlosen, von Drama zu Drama sich steigernden Serien etwas verblüffend Effizientes, wenn man aufgrund eines Blickwechsels schon nach zehn Minuten weiss, in welche Richtung die Figuren umfallen werden und wo sie hinmüssen.

Es ist ganz einfach

«Le vent tourne» ist sattes, gut erzähltes Drama und steht gleichzeitig mitten in den Nöten der aktuellen Orientierungssuche, zwischen dem Wunsch nach Autonomie und Natürlichkeit und Gemeinschaft und Zukunft in einer Welt, die immer kleiner wird, immer weniger Raum für eigene Träume lässt.

EIn Mann und eine Frau stehen in einer grünen Landschaft und schauen gespannt auf etwas, das sich ausserhalb des Bildes befindet.
Legende: Nicht nur das neue Windrad bringt Spannungen in die Beziehung zwischen Pauline und Alex. Filmcoopi

Das ist einfaches, starkes Kino, ein Film, der sofort einfährt, der keine Interpretation braucht und keine Diskussion. C’est simple: On aime. Ou on n’aime pas.