70. Filmfestival Locarno Frau Géquil und Mrs. Hyde

Die schüchterne Lehrerin Madame Géquil wird vom Blitz getroffen und verwandelt sich in die selbstbewusste Frau Hyde. In der Titelrolle dieses Wettbewerbsfilmes glänzt Isabelle Huppert.

Eine Frau steht in einem Klassenzimmer. Neben ihr eine junge Frau, eingespert in einen Käfig. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schluss mit schüchtern: Nach einer plötzlichen Verwandlung wird Madame Géquil selbstsicher und bedrohlich. Praesens/Locarno Festival

Sie macht eine traurige Figur, diese Physik-Lehrerin am Lycée Arthur Rimbaud in Lyon. Sie hat sich der Wissenschaft und dem Unterrichten mit ganzem Herzen verschrieben.

Aber pädagogisches Talent geht ihr völlig ab; ihre Schüler und ihre Kolleginnen hassen die ungeschickte, kleine rothaarige Lehrerin. Bis sich ihre Persönlichkeit über Nacht verändert.

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Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Zwei Streberinnen und der Rektor

Wer sich je selber als Lehrerin oder Lehrer versucht hat (oder auch nur mit etwas erstaunter Empathie auf die eigene Schulzeit und gewisse Episoden zurückblickt), wird sich schnell zurechtfinden in dieser von Serge Bozon sorgfältig gegen den Strich und die Erwartungen gebürsteten Ermächtigungsphantasie.

Die Lehrerin, welche sich von ihren Schülern Interesse und ein gewisses Mass an Leidenschaft erhofft, wird immer und immer wieder enttäuscht. Die beiden Klassenstreberinnen machen sie im Schulrat herunter, der Rektor (ein irrwitzig chargierender Romand Duris) kündigt genüsslich den finalen Besuch des Schulinspektors an.

Und Malik, der gehbehinderte Schüler, den Madame Géquil besonders ins Herz geschlossen hat, ist der Anführer der verbalen und praktischen Klassenverweigerung.

Ein frau und ein junger Mann in einem Labor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der gehbehinderte Malik stachelt die Verweigerung seiner Klassenkameraden gegenüber Madame Géquil an. Praesens/Locarno Festival

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SRF am Filmfestival Locarno

Im Radio:

SRF 2 Kultur und SRF 4 News sind während des Filmfestivals gemeinsam vor Ort: «Live aus Locarno» mit aktuellen Filmen und prominenten Gästen – vom 3. bis 11. August, Mo-Fr, um 11 Uhr live auf SRF 4 News und 12 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Im TV:

«Filmfestival Locarno 2017 - Das Spezial» am 9. August um 22.25 Uhr auf SRF 1.

Phänomenale Hauptdarstellerin

Isabelle Huppert ist einmal mehr phänomenal. Mit minimalem Aufwand, rotgeränderten, dauerverheulten Augen, einer zusammengesunkenen Körperhaltung und einem unerklärlich panischen Gesichtsausdruck verkörpert sie die gequälte Lehrerin, mitleiderregend und herausfordernd zugleich.

Der Film baut die Leidenskurve der Frau schön langsam auf, nach dem «Carrie»-Prinzip und – im Schulzimmer – fast so realistisch wie die vielen französischen Pädagogie-Filme, die auf den grossen Erfolg von Laurent Cantets «Entre les murs» («La Classe») gefolgt sind.

Vom Blitz getroffen

Das ist eine der Stärken dieser Inszenierung, dass sie nie in Genre-Posen erstarrt. Selbst nachdem Madame Géquil in ihrem Labor vom Blitz getroffen wurde und sich immer öfter des Nachts in Madame Hyde verwandelt, genügt dafür zunächst ein kleiner Lichteffekt und später eine leuchtende Negativüberlagerung der ganzen Gestalt.

Viel wichtiger sind natürlich die Veränderungen, die bei Madame Géquil tagsüber in der Schule stattfinden. Die Autorität, die sie plötzlich ausstrahlt, die Energie, das Tempo.

Ausschnitt aus «Madame Hyde»

1:10 min, vom 8.8.2017

Im Käfig

Wenn schliesslich der Inspektor tatsächlich in der Klasse sitzt und die Lehrerin eine ihrer beiden strebsamen Peinigerinnen in den eben gebauten faradayschen Käfig bittet, hat sie eine persönliche und pädagogische Souveränität erreicht, die ihr selber unheimlich wird.

Und das ist dann die zweite Stärke des Films: Er baut keine Superheldin auf, die sich schliesslich im Glanz ihrer neuen Fähigkeiten ausruhen kann, sondern er folgt weiter dem Prinzip von Robert Louis Stevensons «Doctor Jekyll and Mr. Hyde».

Wissenschaftsphilosophisches Vergnügen

Serge Bozon belässt die Ermächtigungsphantasie im pädagogisch didaktischen Rahmen und führt das mit Hilfe von Isabelle Huppert auch konsequent zu Ende.

Dass Frau Huppert dabei nicht nur mit ihrem schauspielerischen Minimalismus trumpfen kann, sondern auch noch mit ein paar wissenschaftsphilosophisch übersteigerten Dauersprech-Sequenzen, erinnert in äusserst vergnüglicher Weise an ihre Philiosophielehrerin Nathalie im Film «L’avenir».

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