«Happy Hour»: Ein Film mit gewaltiger Überlänge – zum Glück

Die Geschichte von «Happy Hour» wäre eigentlich Stoff für eine Soap-Opera: Vier Freundinnen aus Kobe kennen sich seit der Schulzeit, teilen Hochs und Tiefs ihrer Leben. Doch Ryusuke Hamaguchi ist ein ernsthafter, genauer Film gelungen, der seine fünfeinhalb Stunden gänzlich verdient.

Eine japanische Frau mit langem schwarzem Haar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «Happy Hour» erleben die Frauen nicht nur glücklichen Stunden zusammen. Filmfestival Locarno

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Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Mit seinen fast fünfeinhalb Stunden überzieht dieser japanische Film die «Happy Hour» seine Titels gewaltig. Aber jede seiner 317 Minuten ist gerechtfertigt und sehenswert. Vier Frauen in der Stadt Kobe, enge Freundinnen seit der Schulzeit, erleben Erschütterungen und Veränderungen in ihren Leben, als eine von ihnen sich überraschend für die anderen scheiden lässt.

Wie Soap Opera, aber besser

Vordergründig wäre das Stoff für eine Soap-Opera. Aber die Ernsthaftigkeit und Genauigkeit, mit der erzählt wird, wird noch übertroffen von der Leistung der Schauspielerinnen. Zudem wird der Film zu einem einzigartigen Erlebnis, indem er einzelne Ereignisse in Echtzeit auf die Leinwand bringt.

Ausschnitt «Happy Hour»

1:48 min, vom 14.8.2015

Etwa einen sehr physischen Workshop zu äusserer und innerer Balance, welche die japanischen Teilnehmer in ihrer Berührungsscheu enorm herausfordert. Oder die Lesung einer jungen Autorin inklusive Autorengespräch und anschliessendem Nachtessen.

Diese Events, denen man quasi live beiwohnt, bilden die Blöcke, um die herum die Gedanken und Nöte der Frauen formuliert und entwickelt werden. Das sind ungemein dichte, kurzweilige 317 Minuten.