Von Bond bis Bollywood: Das Tessin preist sich als Filmlocation

Tessin auf der Leinwand? Das sieht man selten. Der Kanton hat es bisher verpasst, sich als Drehort gut zu vermarkten. Die neu gegründete «Southern Switzerland Film Commission» will dies ändern: Sie hat Locationscouts nach Locarno geladen – darunter auch Produzenten von Bollywood-Filmen.

Der Hubschrauber ist startklar. Und startklar sind auch vier Inder: Filmproduzenten und Locationscouts auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Drehorten. Bald werden sie einmal quer übers Tessin fliegen, über die Brissago-Inseln runter nach Lugano und via Bellinzona zurück. Die Veranstalter haben keine Mühen gescheut.

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Film Commission

Die Stiftung «Southern Switzerland Film Commission» wurde 2014 gegründet. Sie hat zum Ziel, Filmproduktionen bei Dreharbeiten im Tessin zu unterstützen. Sie leistet dabei Hilfe beim Location Scouting, holt Drehbewilligungen ein oder stellt Kontakte und Infrastrukturen her. Die Stiftung erhält finanzielle Unterstützung durch den Kanton Tessin.

Mehr Tessin auf internationalen Leinwänden

Organisiert hat der Rundflug die neu gegründete «Southern Switzerland Film Commission». Das Ziel der Stiftung: mehr Tessin in TV-Filmen, in der Werbung – und vor allem auch auf internationalen Leinwänden. Denn anders als Zürich, Genf oder das Berner Oberland ist das Tessin im internationalen Filmgeschäft ein blinder Fleck.

Klar, James Bond sprang einst in «Goldeneye» von der Verzasca-Staumauer. Aber sonst? Fehlanzeige. (Mit etwas Grübeln und Unterstützung der SRF-Filmredaktion haben wir dann doch noch ein paar Filme zusammengetragen, siehe Bildergalerie.)

Das Tessin hat den Anschluss verpasst

«Ja, das Tessin hat den Anschluss im Filmbusiness verpasst», muss Michela Pini, Präsidentin der «Southern Switzerland Film Commission», gestehen. Anfragen hätte es über die Jahre immer wieder gegeben, aber eine offizielle Anlaufstelle hätte gefehlt. Produktionsfirmen fühlten sich dadurch wenig willkommen. «Gerade was Indien angeht, haben wir zu spät reagiert.»

Lange hatte das Berner Oberland das Schweizer Monopol in Sachen Bollywood: Die indischen Filmproduzenten kamen über Jahre in Scharen. Doch mittlerweile scheinen sich die Inder an den Berner Alpen satt gesehen zu haben, wie «20 Minuten» schrieb.

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Nationale Filmförderung

Der Bund hat Massnahmen zur Filmförderung in der Kulturbotschaft verankert. In Locarno hat Kulturminister Alain Berset diese Massnahmen konkretisiert: Das neue Programm «Film Standort Schweiz» soll das Schweizer Filmschaffen jährlich mit zusätzlich 6 Millionen Franken stärken – und damit den Dreh- und Produktionsstandort Schweiz attraktiv machen.

Eine unverbrauchte Schweiz

Davon profitiert nun das Tessin: «Das hier ist eine Schweiz, die unsere Zuschauer noch nicht kennen», sagt B. Shashi Kumar, einer der eingeladenen indischen Locationscouts. «Für uns ist das perfekt: Wir können mit der vertrauten Marke Schweiz werben, die aber in einem neuen Look daherkommt.» Auch die Kosten würden sich in Grenzen halten: «Es kommt uns billiger, wenn wir hier in der Natur drehen statt zuhause ein ganzes Set aufbauen zu müssen.»

Auch Michela Pini weist Befüchtungen von sich, dass die Schweiz als Drehort zu teuer ist: «Das ist ein Mythos. In Norditalien ist es nicht billiger als in der Schweiz.» Ausserdem lasse sich hier vieles einfacher organisieren, die Kooperation mit Behörden sei einfacher.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Produzenten aus Kostengründen ins billigere Ausland ausweichen. Legendär etwa die Szene in «Bourne Identity», die in Zürich spielt – aber in Prag gedreht wurde.

Helikopterflug nach Bollywood

Die indische Delegation ist mittlerweile in der Luft. Sogar das Wetter spielt mit in dieser perfekt organisierten PR-Aktion: Nach Regengüssen reissen die Wolken auf, und plötzlich sieht man das Tessin durch die Augen Bollywoods: sanfte Hügel, verträumte Städte, klare Seen. «Wir können uns sehr gut vorstellen, hier im Tessin den nächsten Bollywood-Film zu drehen», sagt B. Shashi Kumar. Seine Kollegen stimmen zu.

Und für Actionfilme gibt’s den Monte Ceneri, ergänzt der Pilot und zeigt auf die Passstrasse in die Tiefe: «Ein Militärgebiet – die Strasse lässt sich daher gut sperren. Perfekt, um Verfolgungsjagden zu drehen.» Der nächste Bond – er kommt bestimmt. Im Tessin jedenfalls ist man bereit.