70. Filmfestival Locarno Wenn einen das Alter auf den knochigen Hintern wirft

Was für ein hinreissender Film! Was für eine umwerfende Figur! Der Film «Lucky» mit dem 91-jährigen Harry Dean Stanton läuft in Locarno im Wettbewerb.

Ein alter, hagerer Mann schaut direkt in die Kamera. Im Hintergrund sieht man unscharf die nächtlichen Lichter einer Stadt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihm wurde «Lucky» auf den Leib geschrieben: Schauspielerlegende Harry Dean Stanton. Locarno Festival

«You are nothing!» begrüsst Restaurant-Chef Joe (Barry Shabaka Henley) den neunzigjährigen Lucky (Harry Dean Stanton) am Morgen. «Danke, Du bist auch nichts!» lautet dessen rituelle Antwort.

Trailer zu «Lucky»

1:52 min, vom 6.8.2017

Wo ist Präsident Roosevelt?

Zuvor ist schon einiges passiert an diesem Morgen. President Roosevelt ist in die Wüste von Arizona abgehauen. Und Lucky hat sein heimisches Morgenritual absolviert: Aufstehen, Waschen, Yoga-Übungen, Eiskaffee aus dem Kühlschrank.

Ach ja: President Roosevelt ist eine uralte Schildkröte, und ihr von David Lynch gespielter Besitzer Howard ist untröstlich.

Altersfitness

«Je älter Du wirst, desto länger lebst Du», erklärt der Hausarzt dem etwas erstaunten Lucky. Der ist zu ihm gekommen, nachdem er am Morgen vor der Kaffeemaschine «auf seinen knochigen Arsch gefallen» ist, wie Lucky selbst sagt. Der Arzt kann nichts finden beim topfiten Kettenraucher Lucky – ausser Alter.

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Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Das Alter ist vorgegeben von Schauspielerlegende Harry Dean Stanton. Der Veteran gehört als Haupt- und Nebendarsteller zur ewigen Garde des amerikanischen Kinos. Sein unverkennbares Gesicht und seine schlaksige Gestalt kennen wir aus unzähligen Filmen von «The Last Temptation of Christ» über «Alien» bis «Wild at Heart».

Harry Dean Stanton war der quintessentielle Charakterdarsteller, aber auch der unvergessliche Hauptdarsteller in Wim Wenders' «Paris, Texas». Und natürlich das Herz des Dokumentarfilms «Harry Dean Stanton: Partly Fiction».

Filmisches Kleinod

Teilweise Fiktion ist nun auch wieder sein Lucky in diesem filmischen Kleinod des Schauspielers John Carroll Lynch. Die beiden Drehbuchautoren Drago Sumonja und Logan Sparks sind alte Freunde von Stanton.

Sie haben eine Sammlung von Sprüchen des zuweilen kauzigen, zuweilen altersweisen Mannes zusammengetragen und über das Drehbuch verteilt, das sie dem Mann auf den knochigen Leib geschrieben haben.

Filmszene: Zwei Männer sitzen an einer Bar und sprechen miteinander. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: David Lynch und Harry Dean Stanton arbeiten in «Lucky» für einmal beide vor der Kamera. Locarno Festival

Realismus gibt es!

Lucky ist ein alter Eigenbrötler, Kriegsveteran, Atheist. Er nimmt sein Alter hin und ist doch erstaunt, was es neben körperlichem Verfall und Abschied und Wehmut noch zu bieten hat. Zumal er seine eigenen Rituale pflegt und mit ihnen eine Art tägliches Weiterbildungsprogramm.

Lucky löst Kreuzworträtsel, aber nicht etwa alleine. Sondern mit Hilfe anderer Gäste im Diner oder einem Freund am roten Telefon. Er schaut Gameshows. Er hat in seiner kleinen Hütte einen Dictionaire aufgebaut, in dem er immer wieder Definitionen nachschaut, etwa die für ‹Realismus›. Zunächst geht es darum, festzustellen, ob es das Wort überhaupt gibt.

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SRF am Filmfestival Locarno

Im Radio:

SRF 2 Kultur und SRF 4 News sind während des Filmfestivals gemeinsam vor Ort: «Live aus Locarno» mit aktuellen Filmen und prominenten Gästen – vom 3. bis 11. August, Mo-Fr, um 11 Uhr live auf SRF 4 News und 12 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Im TV:

«Filmfestival Locarno 2017 - Das Spezial» am 9. August um 22.25 Uhr auf SRF 1.

Später wird seine Bedeutung bedeutungsvoll, wenn Lucky beim abendlichen Besuch im Stammlokal an der Bar verkündet: «Realism is a thing!»

Es ist dieser Realismus, die Akzeptanz des Unausweichlichen mit der Fähigkeit, es hinzunehmen, welche die Figur zunächst definiert. Dazu passt auch das «you are nothing», das im urbanen Slang eines anderen Stammgastes der Bar auch mit dem neapolitanischen Wort «Ugatz» zur Deckung gelangt.

Abschied vom Leben

Lucky ist als Film und als Figur ein Wurf, ein popkulturelles Destillat all der Americana, die vom Pioniergeist der Frontier über den Western, den Blues und schliesslich den Rock'n'Roll durch unsere Träume und modernen Mythen schweben.

Was Lynch (John Carroll) mit Stanton (Harry Dean) und Lynch (David) hier gelungen ist, trägt die Klänge des halben amerikanischen Eigenmythos mit sich, dessen Echo in den Filmen von Wenders, und die Spiegelung in der Musik von Ry Cooder oder Tom Waits.

Lucky ist ein Film über den Abschied vom Leben und damit über das Leben selbst. Ein rührendes, hinreissendes, sentimental-lakonisches Stück raubeiniger, zarter Poesie mitten in einer harschen Landschaft und unter Menschen, die man so nur im Kino finden kann, oder in der eigenen, persönlichen Geschichte.