Filmfestival Venedig Dieser Film zeigt, woran unsere Gesellschaft krankt

Was für Dialoge! Was für ein Drehbuch! So einhellig begeistert sind Filmkritiker selten. Bei der Tragikomödie «Three Billboards Outside Ebbing Missouri» stimmt aber alles: Darsteller, Dialoge, Drehbuch.

Eine Frau steht vor grossen, roten Plakatwänden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mildred Hayes (Frances McDormand) vor ihren Plakatwänden. Schon bald wird die Situation völlig aus dem Ruder laufen. Twentieth Century Fox

Selten habe ich es erlebt, dass das Publikum am Filmfestival Venedig so oft laut loslacht, weil wieder eine Dialogzeile ins Schwarze trifft. Dabei ist das Setting von «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» (Drehbuch: Martin McDonagh) nicht zum Lachen.

Mildred Hayes (Frances McDormand) ist wütend auf die Polizei der kleinen Stadt, in der sie lebt. Vor sieben Monaten ist ihre Tochter vergewaltigt und getötet worden, aber es gibt noch keine Ermittlungsergebnisse.

Deshalb mietet die verbitterte Frau drei grosse Plakatwände ausserhalb der Stadt und klagt darauf den örtlichen Polizeichef Bill Willoughby (Woody Harrelson) an.

«Still No Arrests?» – Immer noch keine Verhaftungen? –, steht in grossen Buchstaben auf einem der «Billboards», der Werbeplakate. 5000 Dollar pro Monat ist ihr die Provokation wert.

Woody Harrelson und Frances McDormand sitzen auf einem Kinderspielplatz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Brilliant in ihren Rollen als totkranker Polizist und trauernde Mutter: Woody Harrelson und Frances McDormand. Twentieth Century Fox

Der Kampf einer verletzten Mutter

Der Polizeichef selbst ist wenig erzürnt darüber, er hat andere Sorgen: Pankreaskrebs. Umso verärgerter ist Sergeant Dixon (Sam Rockwell), der ein grosses, besser unzähmbares Problem mit seinem Jähzorn hat, noch bei seiner Mutter wohnt und auch sonst nicht der Schlauste ist.

Nun beginnt ein unerbittlicher Machtkampf zwischen der verbissenen, verletzten Mutter, der örtlichen Polizei und den erbosten Dorfbewohnern, die sich auf die Seite der Polizei stellen.

Trailer von «Three Billboards Outside Ebbing Missouri»

2:39 min, vom 6.9.2017

Rassisten und Homophobe

Die Kämpfe werden vor idyllischer Kulisse auf vielen Ebenen ausgetragen, zusammengehalten von einer grossartigen Dramaturgie: der Kampf der Geschlechter, Kampf gegen Vorurteile, der Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie.

Oder wie es Polizeichef Willoughby einmal formuliert: «Wenn ich alle Rassisten aus meinem Team schmeissen würde, blieben noch drei Homophobe übrig.»

«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» ist eine zugespitzte Fabel über die Gesellschaft heute, nicht nur in Missouri, nicht nur in den USA. Dabei schlägt der Film immer wieder versöhnliche Töne an. Es weht ein Hauch von aufgeklärtem Humanismus, um gleich wieder abgefackelt zu werden.

Darsteller und Dialoge überzeugen

Der Film ist Unterhaltungskino der allerbesten Art. Jeder Spruch, jede Szene, jede Wendung sitzt. Die Figuren in diesem dörflichen Kaleidoskop sind einzigartig und originell gezeichnet – immer nah dran an der Überzeichnung, dies allerdings im Dienst der Handlung, der Geschichte, dem Tempo des Films.

Neben Drehbuch und Dialoge überzeugen auch die Darsteller: Man hat das Gefühl, niemand anderes hätte Mildred Hayes spielen können als Frances McDormand. Sam Rockwell als unsicherer, etwas dummer Möchtegern-Held Dixon mit Wutausbrüchen ist eine Sensation.

Bitte ein Löwe für diesen Film

Der Film ist eine Art Konzentrat dessen, an dem unsere Gesellschaft krankt: Wut erzeugt Wut, Vorurteile neue Vorurteile. All dies ist so furios und pointiert erzählt, wie man es im Kino selten sieht. Und das will etwas heissen an diesem hochkarätigen Wettbewerb in Venedig.

Ein Löwe? Verdient wäre er, auch wenn – oder gerade weil – der Film einfach gutes Unterhaltungskino aus den USA ist.

Kinostart: Januar 2018

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