Erstarrte Menschen vor grossartigen Landschaften

Neben etablierten Regisseuren wie Atom Egoyan oder Amos Gitai sind dieses Jahr auffällig viele junge Filmemacher im Rennen um den Goldenen Löwen in Venedig. Zum Beispiel der 32-jährige Südafrikaner Oliver Hermanus, der sich selber etwas fehl am Platz fühlt – zu Unrecht.

Ein Mann steht im Morgenlicht auf einem Steg auf einem See. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwischen Verlust und Verlorenheit: Gilles (Nicolas Duvauchelle) hat durch einen grausamen Mord seine Familie verloren. Moonlighting STU Productions

Der südafrikanische Film «The Endless River» von Oliver Hermanus ist eine überaus erfreuliche Entdeckung im Wettbewerb von Venedig. Grossartige Landschaftsaufnahmen, eine aus der Zeit gefallene Kleinstadt, hervorragende Darsteller und eine Geschichte um Verlust, Schuld, Verlorenheit und Zweisamkeit.

Zwei Tote und ein Neuanfang

Trailer zu «The Endless River»

1:24 min, vom 9.9.2015

«The Endless River» ist der Name einer südafrikanischen Kleinstadt. Regisseur Oliver Hermanus kennt diese Stadt und erzählt, wie er immer mal eine Geschichte von dort erzählen wollte – nicht nur wegen des poetischen und etwas schrägen Namens, wie er sagt. Sondern weil dies eine Gegend sei, in der soziale Gräben tief seien, die Apartheid noch lebendig und die Politik schwierig. Und an solchen Orten sucht der junge Regisseur seine Geschichten.

In seinem Film geht es um den zugewanderten Franzosen Gilles, der seine Frau und beiden Söhne durch einen grausamen Mord verliert. Und um die schwarze Südafrikanerin Tiny, deren kleinkrimineller Mann Percy nach vier Jahren frisch aus dem Gefängnis zurückkommt – und der natürlich sofort im Verdacht steht, diesen Mord begangen zu haben. Vom Publikum, aber auch vom örtlichen Polizeichef, der diese Indiskretion an Gilles weitergibt.

Dann ist Percy plötzlich auch tot – und die beiden verletzten Seelen klammern sich Trost und Vergessen suchend aneinander. Sie beschliessen, gemeinsam zu verreisen, der französische Einwanderer und die schwarze Südafrikanerin, die so gar nichts gemeinsam haben, eigentlich.

Der Regisseur in schwarzem Pullover, vor einer weissen Wand und Fenster. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einer der wenigen Regisseure in Südafrika, der die Rassentrennung thematisiert: der 32-jährige Oliver Hermanus. La Biennale di Venezia

Alles wie aus der Zeit gefallen

Es habe ihn am meisten interessiert, erzählt Hermanus im Gespräch, diese beiden so unterschiedlichen Charaktere aufeinander reagieren zu lassen; von einer Freundschaft zu sprechen, die eigentlich nur durch beidseitigen Verlust entsteht. Eine Beziehung über diese Rassengrenzen hinweg, die immer noch so gross sind in gewissen Gebieten Südafrikas.

Der Film kontrastiert grossartige Landschaftsbilder (Hermanus war früher Fotograf und sein Kameramann ein Wildlife-Spezialist) mit Nahaufnahmen der Menschen und ihrer Kleinstadt. Alles scheint irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein, alles ist alt, die Autos, die Möbel, sogar die Kleider der Menschen. Erst als das erste Handy auftaucht, ist klar, dass dieser Film im Jetzt spielt. Aber auch das Handy ist schon alt.

Nationales Filmschaffen fast nicht möglich

An der Ausstattung habe er gar nichts ändern müssen – es gebe nichts Modernes in dieser Stadt, bis auf die wenigen Handys. Und so wenig wie Häuser, Möbel und Autos modern sind, so wenig sind es die Menschen: Immer noch erstarrt in ihren sozialen Grenzen. Rassentrennung gilt immer noch, örtliche Behörden und Politiker tun nichts, um das zu ändern. Hermanus sagt: «Es gibt leider immer noch Bürger zweiter Klasse in Südafrika, auch jetzt noch, nach über 20 Jahren Demokratie im Land.»

Die Zersplitterung der Bevölkerung (es gibt elf Landessprachen) spüre man auch in der Filmindustrie, erzählt der junge Regisseur und Autor. Ein nationales Filmschaffen sei fast nicht möglich. Und so gelangt auch selten ein Film aus Südafrika in die restliche Welt. Zu unterschiedlich seien die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen. Jede Ethnie, jede Bevölkerungsgruppe wolle ihre eigenen Kulturprodukte. Es gibt eine rege Afrikaans-Filmindustrie, aber das seien reine Unterhaltungsfilme.

Ein Fehler bei der Auswahl?

«Niemand will in Südafrika die eigenen Probleme auch noch im Kino sehen», sagt Hermanus. Und so fühle er sich manchmal ziemlich allein mit dem Bedürfnis, diese Geschichten zu erzählen. Doch dank vielen Stipendien und internationalen Koproduzenten hat es Hermanus auf die grosse internationale Filmbühne geschafft.

Er selber dachte zwar bei der Einladung in den Wettbewerb von Venedig, die Auswahlkommission hätte einen Fehler gemacht – er fühle sich auf jeden Fall etwas fehl am Platz. Diese Einschätzung teilen wir nicht, der starke Film hat seinen berechtigten Platz im Rennen um den Goldenen Löwen.