Treatment Award «Ich funktioniere sehr intuitiv»

Die Schauspielerin Marie Leuenberger ist Jurypräsidentin beim «Treatment Award», der am Zurich Film Festival vergeben wird. Damit zeichnet sie gute Ideen für Drehbücher aus. Ein Gespräch über überraschende Filmstoffe und die Arbeit an Geschichten.

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5 Fragen an Marie Leuenberger

4:16 min, vom 31.8.2017

Mit «Die Standesbeamtin» (2009) und «Die göttliche Ordnung» (2017) hat Marie Leuenberger schon zweimal den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin gewonnen. Am 7. Oktober ist die Schauspielerin aber diejenige, die einen Preis überreicht: den Treatment Award.

Das Treatment ist die Vorstufe zum Drehbuch. Es erzählt schon die ganze Geschichte eines Films, enthält aber noch keine detaillierten Dialoge oder Regie-Anweisungen. SRF und Telepool vergeben den Preis zusammen mit dem Zurich Film Festival bereits zum fünften Mal.

SRF: Was zeichnet ein gutes Treatment aus?
Marie Leuenberger: Ich verspreche mir von einem guten Treatment, dass man neugierig wird und dass man schon Figuren oder Themen erkennt, die in meiner Fantasie möglichst plastisch erweckt werden. Dann kann ich mir vorstellen, das auf der Kinoleinwand zu sehen.

Ein Ehepaar vor einem Transparent mit der Aufschrift: Die Frauen streiken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Marie Leuenberger mit Maximilian Simonischek in «Die göttliche Ordnung». Filmcoopi

Was suchen Sie als Schauspielerin bei einem Filmstoff?
Ich funktioniere sehr intuitiv. Ich lese eine Rolle und merke: In mir geht eine Fantasie los, es bewegt sich etwas in mir. Wenn sich nichts bewegt, weiss ich, es bringt nichts, diese Rolle zu spielen. Denn es wäre reines Text-Auswendiglernen. Meistens bekomme ich aber sofort ein Gefühl für eine Figur oder eine Situation. Dann wird es spannend und packt mich.

«  Ich versuche, mein Augenmerk auf die Geschichte zu lenken. »

Greifen Sie in die Drehbücher ein?
Es gab mal ein Drehbuch, «Was weg is, is weg», in dem ich meine Rolle etwas langweilig fand. Der Regisseur war gleichzeitig der Autor, und er war total offen, weil er ebenfalls fand, dieser Figur fehle noch etwas.

Das war ein sehr schönes Erlebnis, dass man mit Ehrlichkeit ins Gespräch kommen kann. Und wir haben diese Figur dann tatsächlich gemeinsam verändert. Es brauchte wenig, dass sie «voller» wurde.

Was haben Sie sich als Jurypräsidentin des Treatment Award vorgenommen?
Was ich noch nicht kenne, ist Pitchen – also dass Leute mir ihr Produkt verkaufen müssen. Ich finde aber, ein gutes Treatment hat nicht so viel damit zu tun, wie man es verkaufen kann. Die Ideen müssen mehr wiegen.

Ich versuche, mein Augenmerk also auf die Geschichte zu lenken und darauf, was mir die Autorinnen und Autoren darüber und über ihre Leidenschaft erzählen, und nicht so sehr darauf, wie sie sich darstellen. Das ist es, was ich mir vornehme.

Das Gespräch führte Reto Baer.