«High-Rise»: Sex und Totschlag – sonst nichts los im Hochhaus

Klassenkampf mit Stil. Das ist «High-Rise» auf den Punkt gebracht. In der Verfilmung von J. G. Ballards 70er-Jahre-Dystopie werden Hochhausbewohner nach ihrer gesellschaftlichen Stellung einquartiert: in Ober- und Unterschicht. Ein konfliktgeladenes Konstrukt, dessen Scheitern vorprogrammiert ist.

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Im Kino: «High-Rise»

2:58 min, vom 29.6.2016

Der frisch geschiedene Dr. Laing (Tom Hiddleston) will nur seine Ruhe, als er seine neue Wohnung in einem trendigen Hochhauskomplex bezieht. Dieses Hochhaus, das ist nicht nur ein Wohngebäude. Dahinter steckt vielmehr ein ganzes Wohnkonzept mit eigenem Supermarkt, Fitness- und Freizeitmöglichkeiten. Keiner der 2000 Bewohner muss das Haus zwingend verlassen. Sie leben in einer geschlossenen Gesellschaft, verteilt auf 40 Etagen.

Dr. Laings Apartment liegt im 25. Stockwerk. Ein entscheidender Faktor. Denn je höher jemand wohnt, desto privilegierter ist er. Doch Laing, der mittendrin wohnt, feiert die wilden Feste der Unter- und Oberschicht, will überall ein bisschen dazugehören. Das geht so lange gut, bis die Konflikte zwischen Arm und Reich eskalieren: Zwischen den sonst so kultivierten Bewohnern bricht ein blutiger Etagen-Krieg aus. Und Laing ist wieder mal mittendrin.

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      Das stärkste Zitat
      Mann im Aufzug Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Kalter Koloss statt Schmelztiegel für Veränderung – das Hochhaus entpuppt sich als Hort des Grauens. DCM

      «Wie ist das Leben im Hochhaus?» wird Dr. Laing in einer Schlüsselszene gefragt. Seine Antwort: «Anfällig für Wahnsinn, Narzissmus und Stromausfälle.» Im englischen Original ist die Bezeichnung «power failure» noch tiefsinniger, weil «power» nicht nur Strom, sondern auch Macht bedeutet.

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      Der Regisseur
      Mann blickt durch Jalousie Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Er bringt verborgene Gewaltphantasien auf die Leinwand: Regisseur Ben Wheatley. Keystone

      Brutal, abgedreht und mit bitterbösem britischem Humor. Diese markigen Attribute zeichnen das Werk des Indie-Regisseurs Ben Wheatley aus. Die meisten seiner Filme wie «A Field in England» und auch «High-Rise» entstanden in enger Zusammenarbeit mit seiner Frau, der Drehbuchautorin Amy Jump. Seinen internationalen Durchbruch hatte der Brite mit «Sightseers». In der rabenschwarzen Liebeskomödie tourt ein britisches Durchschnitts-Pärchen, mit dem Wohnwagen durch England und hinterlässt dabei eine blutige Spur. Wheatley mag Geschichten, in denen der gehemmte Spiessbürger in Extremsituationen sein wahres Gesicht offenbart. Das ist in «High-Rise» nicht anders. Von wem sich der Regisseur stilistisch inspirieren liess, ist offensichtlich, wenn man das Filmplakat unter die Lupe nimmt. Gewalt und Ästhetik von «High-Rise» erinnern frappant an Stanley Kubricks «A Clockwork Orange».

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      Fakten, die man wissen sollte
      zwei Frauen umarmen sich Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Die Elite feiert, während der Pöbel im Aufzug stecken bleibt. DCM

      Nur die grössten Meister wagten sich bisher an die Verfilmung von Romanen des britischen Schriftstellers James Graham Ballard. Vielleicht zählen deshalb die meisten Adaptionen seiner Bücher zum Kanon der Filmgeschichte. 1996 verfilmte Regisseur David Cronenberg («The Fly») den gesellschaftskritischen Roman «Crash». Die bekannteste Ballard-Verfilmung stammt aber von Steven Spielberg. Sein «Empire of the Sun» wurde 1987 mehrfach für den Oscar nominiert und bedeutete den Durchbruch für den damals 13-jährigen Christian Bale. Mit «Empire of the Sun» verarbeitete der Schriftsteller seine Jugenderinnerungen an den Zweiten Weltkrieg in China. Ballard wuchs als Sohn britischer Einwanderer in Shanghai auf. Als die Japaner die Stadt besetzten, wurden er und seine Familie bis Kriegsende in einem Zivilgefangenenlager festgehalten. J. G. Ballards Werk zeichnet sich vor allem durch seine Genre-Vielfalt aus. Ob Science Fiction oder klassisches Drama: Meist sind es im Kern Dystopien, die pointiert vom Zerfall sozialer Strukturen erzählen.

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      Das Urteil
      Mann oben ohne Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Tom Hiddleston spielt die Hauptfigur Dr. Robert Laing. DCM

      Dr. Laing ist ein begehrter Junggeselle. Was ihn interessieren, sind die Partys und die Frauen im Haus. Als das Chaos einbricht, beobachtet er den Zerfall ganz nüchtern, ohne jegliche Anteilnahme. Mit dieser Haltung spiegelt er den egozentrischen Zustand der Hochhauswelt wider. Dr. Laing ist kein ehrenhafter Filmheld und auch keine richtige Identifikationsfigur. Er führt den Zuschauer zwar in diesen Mikrokosmos ein, doch dann lässt er ihn mitten im Tumult stehen. Bis man merkt, dass man die Orientierung verloren hat, steht man schon längst im Bann der betörenden Hochhaushölle. Ben Wheatleys anarchischer Erzählstil passt perfekt zur chaotischen Story-Entwicklung. Mit den retro-futuristischen Szenenbildern und einem pulsierenden Soundtrack treibt «High-Rise» das menschliche Totalversagen stilvoll auf die Spitze.

Kinostart: 30.06.2016