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Legende: Audio Filmfestival Cannes: Zwischenbilanz von Filmredaktor Michael Sennhauser abspielen. Laufzeit 03:47 Minuten.
Aus Kultur-Aktualität vom 17.05.2019.
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Ken Loach in Cannes Ken Loach bleibt sich treu – und wagt doch Neues

Zweimal hat Ken Loach in Cannes bereits die Goldene Palme gewonnen. Nun zeigt der britische Altmeister in Cannes «Sorry We Missed You». Damit hat er seinem Markenprodukt «Britisches Sozialdrama» noch einmal neue Töne beigebracht.

Mit ihrem jüngsten Film sind sich Ken Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty treu geblieben und haben zugleich etwas Neues probiert. Alles dreht sich wie gewohnt um die kleinen Leute in England.

Aber die Probleme entstehen in der Familie, das asoziale, ausbeuterische System des Spätkapitalismus sorgt bloss dafür, dass sie nicht mehr zu bewältigen sind.

Das ist eine hübsche Abkehr vom didaktischen Ton der letzten Filme, obwohl sie auch dieses Mal nicht darauf verzichten, Mechanismen der Ungerechtigkeit leicht verständlich zu schematisieren.

Frau, Mädchen, Junge und Mann posieren lächelnd nebeneinander
Legende: Die Turners leiden nicht nur unter den Ungerechtigkeiten eines ausbeuterischen Systems. Auch in der Kleinfamilie selbst entstehen Probleme. Joss Barratt

Die Turners im Arbeitsstress

Abbie Turner (Debbie Honeywood) arbeitet als Spitex-Pflegerin, fünf Tage in der Woche ist sie mit dem Auto von morgens früh bis abends spät unterwegs.

Ihr Mann Ricky (Kris Hütchen) hat bei einem Paket-Vertrieb-Service einen Franchise-Vertrag unterzeichnet. Für eine Fixgarantie und Boni fährt er Pakete aus, entweder mit seinem eigenen Van, oder mit einem von der Firma gemieteten. Damit trägt Ricky das ganze Risiko selbst – auch für Krankheit oder Unfälle.

Loach widmet sich der Kernfamilie

Loach und Laverty pflegen ihre Stärken. Die Abläufe (und ausbeuterischen Mechanismen) bei der Arbeit der Turners werden präzise gezeigt. Was diesen Film von früheren unterscheidet, ist die Konzentration auf diese eine Kernfamilie. Ricky und Abbie Turner, ihr Sohn Seb und die jüngere Tochter Lisa Jane.

Die Kleine ist nicht nur das Nesthäkchen und der Sonnenschein, sie ist auch jene, die dauernd vermittelt, vor allem zwischen den Eltern und Bruder Seb, der lieber mit seinen Kumpels sprayen geht, als in die Schule.

Legende: Video Ausschnitt aus «Sorry We Missed You» abspielen. Laufzeit 03:26 Minuten.
Aus Kultur vom 17.05.2019.

An Sebs Funktionsverweigerung entzündet sich denn auch jeder Familienstreit, vor allem jener, der schliesslich eskaliert. Seb sieht nicht ein, warum er sich in der Schule abmühen soll, wenn schliesslich doch nur Scheissjobs wie der seines Vaters auf ihn warten.

Familiendramen, die ans Herz gehen

Der Film balanciert die familiären Dramen geschickt mit denen der Arbeitswelt und baut die kleine Familie so präzise auf, dass einem im letzten Viertel die Tränen kommen können, wenn die Kleine vor Angst wieder ins Bett macht, oder Seb aus Wut im Treppenhaus mit der Spraydose alle Familienfotos durchstreicht, auf denen sein Vater zu sehen ist.

Legende: Video Aus dem Archiv: Ken Loach – Kämpfer für eine bessere Gesellschaft abspielen. Laufzeit 05:17 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 22.06.2016.

«Sorry we missed you» erweitert Loachs Sozialdrama um einen neuen, intimen Ton. Und mit Seb um eine Figur, die es in dieser Deutlichkeit bei Loach und Laverty bisher noch nicht gegeben hat. Denn Seb stellt sich mit grosser Sprengkraft gegen die bisher stets als Allheilmittel propagierte Solidarität.

Insofern ist das nicht einfach ein weiterer Ken-Loach-Film, sondern – unerwartet – noch einmal etwas ansatzweise Neues. Herzabdrückend aber auch, wie eh und je. Ob das allerdings reicht, um Ken Loach zum ersten dreifachen Palmengewinner von Cannes zu machen, daran darf man zweifeln.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Jos Schmid  (Jos Schmid)
    Der Autor schreibt so, als ginge es Ken Loach um einen weiteren Gewinn eines Preises mit seinem “Markenprodukt“ “Englisches Sozialdrama“. Das stimmt nicht, es geht ihn darum soziale und gesellschaftliche Missstände genau aufzuzeigen und das einem möglichst breiten Publikum zu zeigen. Das ist etwas ganz anderes als cinematischer Ehrgeiz.
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