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Der Blick aus dem Fenster: «Nemesis» von Thomas Imbach
Aus Kontext vom 26.04.2020.
abspielen. Laufzeit 20:16 Minuten.
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«Nemesis» von Thomas Imbach Freie Sicht auf die Abrissbirne

Das Leben ist eine Baustelle: Thomas Imbach hat in seinem neuen Film «Nemesis» den Abbruch des Zürcher Güterbahnhofs abgefilmt – aus dem Wohnungsfenster.

Nach seinem international renommierten Tagebuchfilm «Day Is Done» aus dem Jahr 2011 habe er eigentlich gedacht, er sei geheilt davon, aus dem Wohnungsfenster filmen zu müssen, sagt Thomas Imbach.

Doch dann erfuhr er: Der alte Zürcher Güterbahnhof aus dem 19. Jahrhundert – direkt unter seinem Fenster gelegen – wird allen politischen Widerständen zum Trotz doch abgerissen.

Das war 2013, und Thomas Imbach holte seine Kamera wieder aus dem Schrank.

«Visions du réel»: Die Wettbewerbsfilme online

Das internationale Dokumentarfilmfestival «Visions du réel», Link öffnet in einem neuen Fenster in Nyon findet in diesen Tagen pandemiebedingt online statt. Unter den 14 Filmen im internationalen Wettbewerb ist auch «Nemesis» des Schweizer Filmemachers Thomas Imbach.

Sämtliche Filme des Wettbewerbs sind bis am 2. Mai gratis online zu sehen, pro Film allerdings nur 500 Mal.

Zerstörung im Zeitraffer

Über sieben Jahre hinweg hat Imbach aus seinem Wohnungsfenster gefilmt. Sporadisch, je nach dem, was sich gerade tat auf dem Gelände. Mit nur wenigen Bildern pro Sekunde hat er ganz klassisch analoges Filmmaterial belichtet.

Diese Zeitraffer-Sequenzen sind fantastisch. Mit knackiger Schärfe und extremer Detailtreue sehen wir die Bagger auffahren. Dank ihrem hochgedrehten Speed wirken sie wie eifrige Spielzeugautos in einem Modellgelände.

Die gnadenlos zubeissenden Kiefer der Abrissmaschinen, die grosse Stücke aus den Wänden und Dächern der alten Backsteingebäude reissen, erinnern an Zerstörungsmonster wie Godzilla.

Video
Trailer zu «Nemesis»
Aus Kultur Extras vom 26.04.2020.
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Cartooneske Komik

Zusammen mit Sounddesigner Peter Bräker hat Imbach die Bilder mit einer Tonspur unterlegt, die bisweilen urkomisch wirkt. Mit den unverständlichen Stimmen und verfremdeten Geräuschkulissen kommt manchmal fast Cartoon-Stimmung auf.

Bräker und er seien beide grosse Fans von Jacques Tati, sagt Thomas Imbach. An dessen Kino-Klassiker mit dem schlaksigen Monsieur Hulot erinnern denn auch mehr als eine der Abriss- und der späteren Bausequenzen.

Zwischen persönlich und politisch

Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofes entsteht ein hochmoderner Zürcher Polizeikomplex mit Untersuchungsgefängnis. Und darum kommt neben der witzigen Gestaltung der Bild- und Tonebene auch eine beeindruckende Ernsthaftigkeit auf.

Zwei Bauarbeiter, der eine kratzt sich im Schritt.
Legende: Ob es die Bauarbeiter juckte, dass Thomas Imbach sie heimlich aus seinem Fenster filmte? Frenetic Films

Einerseits erinnert sich Thomas Imbach angesichts des Verlustes an klassischer Bausubstanz vor seinem Fenster an persönliche Abschiede, etwa von seinem Grossvater, oder dem 2014 verstorbenen Filmemacherfreund Peter Liechti.

Andererseits verwebt der Kommentar die Erzählungen von abgewiesenen Asylbewerbern in Ausschaffungshaft, die Imbachs Assistentin Lisa Gerig interviewt hat.

Sieben Jahre, drei Phasen

«Nemesis» deckt über sieben Jahre hinweg drei Phasen ab. Den Abriss des alten Güterbahnhofs, die lange Zeit der planierten und bewachten Brache, und schliesslich den Bau des neuen Polizeizentrums, während dem noch einmal die ganze technische Faszination der Vorgänge im Zeitraffer für grossartige Bilder sorgt.

Thomas Imbach ist einmal mehr ein gleichzeitig persönlicher und universeller Dokumentarfilm gelungen, der gesellschaftliche Fragen nach Stadtentwicklung, zum Umgang mit anderen Menschen und mit individueller Verantwortung zu einem attraktiven Bild- und Tonstrom verbindet.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 27.4.2020, 09:03 Uhr

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