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NIFFF 2018 China, die neue Macht im Actionkino

Mit patriotischen Actionfilmen macht sich China daran, Hollywood zu überholen. Einer davon ist am Filmfestival NIFFF zu sehen.

Ein chinesischer Soldat schaut schwer bewaffnet in die Kamera.
Legende: Der chinesische Kriegsfilm «Operation Red Sea» von Dante Lam ist als Schweizer Premiere am Filmfestival NIFFF in Neuchâtel zu sehen. Bona Film Group

Ein Blick in die Top 5 der weltweit erfolgreichsten Kinofilme zeigt wenig Überraschendes: Diverse Superhelden, Dinosaurier, Steven Spielberg. Doch auf Platz sechs folgt ein Titel, den ausserhalb Chinas kaum jemand kennt: «Operation Red Sea».

Bis heute hat der Kriegsfilm von Dante Lam gut 580 Millionen Dollar eingespielt – fast ausschliesslich im Heimmarkt China. Die fünf Hollywood Produktionen auf der Liste kommen erst dank 50 bis 80 Prozent Auslandanteil auf ihre Spitzenplätze.

«Operation Red Sea» am NIFFF

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«Operation Red Sea» am NIFFF

Das Neuchâtel International Fantastic Film Festival (NIFFF), Link öffnet in einem neuen Fenster zeigt «Operation Red Sea» von Dante Lam als Schweizer Premiere am 9. Juli um 16:45 Uhr und am 12 Juli um 14:30 im Neuenburger Kino Studio.

Das NIFFF findet 2018 zum 18. Mal statt und ist das wichtigste Schweizer Filmfestival, das sich dem fantastischen Film und dem asiatischen Kino widmet. In der Reihe «New Cinema from Asia» sind Filme aus populären Genres wie Thriller, Action oder Komödien aus allen Ländern Asiens zu sehen.

Das 18. NIFFF dauert vom 6. bis zum 14. Juli und zeigt während diesen neun Tagen über 150 Filme in 14 Sektionen.

China mag chinesisches Kino

Der chinesische Kinomarkt ist nach dem amerikanischen der zweitgrösste der Welt. Immer öfter genügt er sich selbst. Unter den zehn erfolgreichsten chinesischen Filmen finden sich nur drei ausländische Produktionen. Alle anderen stammen aus China und Hongkong.

Ganz oben stehen zwei neue, patriotische Kriegsfilme: «Operation Red Sea» von 2018 und «Wolf Warrior 2» von 2017. Letzterer ist mit seinem Einspielergebnis von über 860 Millionen Dollar Umsatz der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten.

Wie Rambo und Jason Bourne

Wu Jing, Regisseur und Hauptdarsteller von «Wolf Warrior 2», gilt als grösster Actionheld des aktuellen chinesischen Kinos. Seine Leinwandfigur ist eine Mischung aus John Rambo, John McClane, Jason Bourne und Jack Bauer. Westlichen Fans fiel Wu zum ersten Mal in Hongkong-Gangsterfilmen wie «SPL: Sha po lang» von 2005 auf.

Der chinesische Schauspieler Wu Jing steht vor einem Plakat des Dokumentarfilms «Amazing China».
Legende: Wu Jing, Chinas grösster Action-Star, an der Premiere von «Amazing China» im Februar 2018. Der Dokumentarfilm soll Chinas wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritte unter Staats- und Parteichef Xi Jinping zeigen. Imago/imaginechina

Auch Dante Lam, der Regisseur von «Operation Red Sea» ist ein Veteran des Hongkong-Kinos. «Beast Cops» von 1998, den er zusammen mit Gordon Chan drehte, zählt zu den meistgelobten Actionfilmen der ehemaligen Kronkolonie.

Filme im nationalen Interesse

Das Kino Hongkongs war immer kommerziell ausgerichtet und wurde vom ehemaligen Stadtstaat kaum gefördert. Dafür, dass sich einige seiner grössten Namen heute in den Dienst der chinesischen Regierung stellen, gibt es eine einfache Erklärung: Den etwas über 7,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Hongkongs stehen die fast 1,4 Milliarden Menschen in China gegenüber. Kaum ein lokaler Investor ist deshalb bereit, Geld in einen Film zu stecken, der nicht primär den chinesischen Markt bedient.

Doch in China bestimmt der Staat mit, was im Kino zu sehen ist. Filme sollen dem nationalen Interesse dienen und auf Parteilinie liegen – sozialistische Werte verteidigen statt westlichen Lebensstil. Das galt schon für die ersten Studios, die nach der Gründung der Volksrepublik 1949 entstanden.

Beim Publikum sorgten die frühen Propagandafilme aber für wenig Begeisterung. Seit den 1990er-Jahren versuchen die staatlichen Drehbuchschreiber und Regisseure deshalb, die Erfolgsrezepte kommerzieller Produktionen zu kopieren. Bisher war das selten von Erfolg gekrönt.

Kein Platz für Grautöne

Den privaten Unternehmen, die nun hinter Filmen wie «Operation Red Sea» oder «Wolf Warrior 2» stehen, geht es in erster Linie um Geld und nicht um Propaganda. Doch um das chinesische Publikum zu erreichen, beugen sie sich den Vorgaben der Regierung.

Das Ergebnis sind hurra-patriotische Blockbuster, die sowohl der Partei als auch dem Publikum gefallen. Und mittels Soft Power sollen sie dem Ausland klarmachen, dass China auf dem Weg zur Weltmacht ist – so wie in Vergangenheit auch die USA mit Filmen wie «Rambo III» ihr Selbstbild in die Welt projizierten.

Die chinesische Schauspielerin Fan Bingbing in einem Abendkleid.
Legende: Fan Bingbing – hier an den Filmfestspielen in Cannes – ist Chinas grösster Star und eine der bestbezahlten Schauspielerinnen der Welt. In «Sky Hunter» spielte sie in einem Action-Film, der von der chinesischen Luftwaffe mitproduziert wurde. Reuters

So kamen in den letzten Jahren neben den oben genannten auch Filme wie «The Taking of Tiger Mountain» (2014), «Sky Hunter» (2017), «The Founding of an Army» (2017), «Extraordinary Mission» (2017) ins Kino, welche die Volksbefreiungsarmee, die Luftwaffe oder die Polizei heroisieren.

Auf dem Regiestuhl sassen dabei Hongkong-Altmeister wie Tsui Hark oder Alan Mak, die genau wissen, wie man mitreissende Actionsequenzen inszeniert. Doch für die gebrochenen Figuren und die moralische Ambivalenz, die ihre früheren Werke prägten, haben die neuen, patriotischen Filme keinen Platz mehr.

Hollywood entdeckt China

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China ist auf dem Weg, die USA als grössten Kinomarkt zu überholen. Grosse Hollywood-Produktionen nehmen deshalb immer öfter Rücksicht auf das chinesische Publikum und die Wünsche der chinesischen Regierung.

Im Weltraumdrama «The Martian» von 2015 zum Beispiel führte erst die Zusammenarbeit der NASA und der chinesischen Weltraumorganisation CNSA zum Happy End. Die Roboter-Spektakel «Transformers: The Last Knight» (2017) und «Pacific Rim: Uprising» (2018) wiederum spielten in Hongkong, zeigten chinesisches Product-Placement oder setzten auf chinesische Schauspielerinnen und Schauspieler. Beide Filme spielten in China denn auch deutlich mehr ein als im US-Markt.

Zum Schutz der heimischen Filmindustrie dürfen in China jährlich nur 34 ausländische Blockbuster im Kino gezeigt werden. Um diese Quote zu umgehen setzen Hollywood-Studios auf amerikanisch-chinesische Koproduktionen, für welche diese Begrenzung nicht existiert.

Dafür gelten andere Vorgaben: Chinesischen Studios ist es verboten, sich mit ausländischen Filmemachern einzulassen, die Chinas Würde, Ehre und Interessen oder soziale Stabilität schädigen oder nationale Gefühle verletzen könnten.

Popcorn und Patriotismus: Sechs neue Action-Filme aus China

  • Operation Red Sea (Dante Lam, 2018)
    Legende: Operation Red Sea (Dante Lam, 2018) IMDB

    «Operation Red Sea» (Dante Lam, 2018)

    Der Film basiert lose auf Ereignissen des jemenitischen Bürgerkriegs im Jahr 2015, als die chinesische Marine 225 Ausländer und 600 Chinesen aus der Hafenstadt Aden rettete. Dante Lam inszeniert diese Evakuation als brutalen Kriegsfilm à la «Black Hawk Down», mit spektakulären Actionszenen und furchtlosen chinesischen Soldaten. Die chinesische Marine gehört zu den Produzenten des Films, der stellenweise wie ein Präsentationsfilm für das Waffenarsenal der Seestreitkräfte wirkt.

  • Wolf Warrior 2 (Wu Jing, 2017)
    Legende: Wolf Warrior 2 (Wu Jing, 2017) IMDB

    «Wolf Warrior 2» (Wu Jing, 2017)

    Der Untertitel lässt keine Zweifel an der Botschaft des Films: «Wer China angreift, wird getötet, egal wie weit das Ziel ist.» Elitesoldat Leng Feng will in Afrika ein neues Leben beginnen, doch fiese Rebellen, noch fiesere US-Söldner und chinesische Expats in Not lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. «Wolf Warrior 2» ist hyper-dynamisches, plattes Actionkino, das Chinas Action-Superstar Wu Jing ironischerweise mit tatkräftiger Unterstützung einiger der besten US-Stuntmen auf die Leinwand gebracht hat. Der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten.

  • Sky Hunter (Chen Li, 2017)
    Legende: Sky Hunter (Chen Li, 2017) IMDB

    «Sky Hunter» (Chen Li, 2017)

    Wenn «Wolf Warrior 2» der chinesische «Rambo III» ist und «Operation Red Sea» «Black Hawk Down», dann ist «Sky Hunter» die chinesische Variante von «Top Gun». Der Film wurde von der chinesischen Luftwaffe mitproduziert und gilt mit seinen Bildern von spektakulären Flugmanövern als erster Luftkriegsfilm des Landes. In einer der Hauptrollen ist Fan Bingbing zu sehen, der grösste Star Chinas und laut «Forbes» die 2016 fünftbestbezahlte Schauspielerin der Welt. Trotzdem war «Sky Hunter» an der Kinokasse kein Hit – mit 48 Millionen Dollar spielte er fast 20 Mal weniger ein als im selben Jahr «Wolf Warrior 2».

  • The Founding of an Army (Wai-Keung Lau, 2017)
    Legende: The Founding of an Army (Wai-Keung Lau, 2017) IMDB

    «The Founding of an Army» (Wai-Keung Lau, 2017)

    Regisseur Wai-Keung Lau hat mit «Infernal Affairs» einen Klassiker des Hongkong-Kinos gedreht. Mit «The Founding of an Army» liefert er eine Auftragsarbeit für den chinesischen Staat ab, die der Gründung der Volksbefreiungsarmee vor 90 Jahren gedenkt (und nach «The Founding of a Republic» und «The Founding of a Party» der abschliessende Teil der «Founding of New China»-Trilogie ist). Obschon das Epos einige der grössten chinesischen Stars in Haupt- und Nebenrollen zeigt, fiel es beim Publikum durch und landete nur auf Platz 39 der Jahresbestenliste.

  • Extraordinary Mission (Alan Mak, 2017)
    Legende: Extraordinary Mission (Alan Mak, 2017) Internet

    «Extraordinary Mission» (Alan Mak, 2017)

    Alan Mak ist der zweite Regisseur hinter dem Polizei-Drama «Infernal Affairs». Auch in «Extraordinary Mission» geht es um Polizeiarbeit. Aber von der komplexen Figurenzeichnung des Vorgängers ist der Action-Streifen weit entfernt, obschon in beiden Fällen Felix Chong das Drehbuch schrieb. Trotzdem: Hauptdarsteller Huang Xuan gewann für seine Rolle als Undercover-Agent, der eine Drogenfabrik im Goldenen Dreieck aushebt, den «Jackie Chan Action Movie Award» für den besten neuen Darsteller. Ganz zu Recht: seine Motorradfahrt über die Dächer eines thailändischen Dorfes muss man gesehen haben. In China wurde «Extraordinary Mission» für seine positive Darstellung der Polizeiarbeit gerühmt. Der Abspann des Films könnte auch ein Werbevideo für die Elite-Einheit der chinesischen Anti-Drogen-Polizei sein.

  • Kung Fu Yoga (Stanley Tong, 2017)
    Legende: Kung Fu Yoga (Stanley Tong, 2017) IMDB

    «Kung Fu Yoga» (Stanley Tong, 2017)

    In den 1990er-Jahren drehten Regisseur Stanley Tong und Jackie Chan zusammen «Supercop» oder «Once a Cop» – Filme, die zu den besten des Actionstars gehören. 25 Jahre später kamen die beiden wieder zusammen für eine Mischung aus Comedy, Abenteuer, Tourismus-Werbung und Staatspropaganda. Jackie Chan und ein Cast aus chinesischen und indischen Nebendarstellerinnen und -darsteller suchen nach einem geheimnisvollen Artefakt und nutzen die Gelegenheit, die chinesisch-indische Freundschaft zu pflegen und ganz nebenbei von Chinas geopolitischer «One Belt, One Road»-Initiative zu reden. In China war das ein Publikumshit.

Sendung: Radio SRF 3, 5.7.2018, 9:15 Uhr.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Marc Bühler (Capten Demokratie)
    Was für die Amerikaner Jon Wayne war ist für Hongkongs Filmindustrie Bruce Lee! Die Grösste Kampfkunst Legende aller Zeiten. Sein Nunschaku Ping Pong, unerreicht! Es gibt und gab nie einen Grösseren Kampfsportler als ihn, dicht gefolgt von Andi Hug und natürlich Chuck Norris versthet sich.
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