«Oblivion»: Tom Cruise kämpft gegen das Vergessen

In den 80er- und 90er-Jahren war Tom Cruise Hollywoods Wunderwaffe. Negativschlagzeilen und Flops brachten Mr. «Top Gun» um den Nimbus des Kassengaranten. Mit «Oblivion» kämpft der juvenile 50jährige nun gegen das Vergessen. Bemerkenswert am Science-Fiction-Streifen ist leider nur die Optik.

Tom Cruise, eine Waffe in der Hand, rennt von einem Helikopter weg. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tom Cruise im Jahr 2077: «Dieser Streifen wird schnell vergessen sein», prophezeit der SRF-Filmkritiker. universal pictures

Wir schreiben das Jahr 2077. Die Welt liegt in Schutt und Asche. Doch immerhin: Der Krieg gegen die feindlichen Eindringlinge aus dem All hat die Menschheit mit Hilfe von Atomwaffen gewonnen. Ein Pyrrhus-Sieg, bei dem Metropolen wie New York zerstört und verstrahlt wurden. Deshalb leben die meisten Menschen inzwischen auf dem Saturn-Mond Titan. Das will uns zumindest Tom Cruises Erzählstimme weismachen. Doch durch vereinzelt eingestreute Erinnerungsfetzen merken wir rasch, dass manches an dieser Geschichte nicht stimmen kann.

Cruise spielt quasi sich selbst

Irgendwann erfährt man als Zuschauer schliesslich, dass das Gedächtnis von Tom Cruises Filmfigur gelöscht wurde. Aus Sicherheitsgründen, wie es lapidar heisst. Welch schöne neue Welt! Doch immerhin ist nun endlich klar, um was es in diesem Science-Fiction-Film geht: Um einen Mann, der sich nur noch vage an seine längst verblassten Heldentaten erinnern kann. Tom Cruise spielt in «Oblivion» also im Grunde sich selbst.

Rückblende zum Ruhm vergangener Tage: Mit dem Fliegerfilm «Top Gun» startete Tom Cruise 1986 richtig durch und war in der Folge kaum mehr zu bremsen. Sobald sein Name auf dem Poster prangte, verkauften sich die Filme von selbst. Im ganz grossen Stil abzukassieren, begann er 1996 mit «Mission: Impossible» und seiner neuen Doppelrolle als Schauspieler und Produzent. Ins Stocken kam seine Karriere erst nach der Jahrtausendwende.

Schlechtes Image, schlechte Verkaufszahlen

Das immer offensiver zur Schau gestellte Engagement für Scientology ramponierte sein Ansehen. Dazu kam ein manisch-konfuser Auftritt in der «Oprah Winfrey Show». Sein liebestolles Herumgehüpfe auf der Couch der Star-Talkerin wurde oft parodiert und ging unter dem Begriff «jumping the couch» in die Fernsehgeschichte ein. In Amerika avancierte das geflügelte Wort für imageschädigendes öffentliches Durchdrehen 2005 gar zum «Slang-Ausdruck des Jahres».

Die Quittung folgte an den Kinokassen. In den letzten Jahren war Tom Cruise nur noch dann erfolgreich, wenn er die Filme als Produzent selbst kontrollieren konnte («Mission: Impossible 4 – Ghost Protocol» oder «Jack Reacher»). Unter den Fittichen anderer Produzenten entstanden dagegen nur noch Flops wie «Knight and Day» oder «Rock of Ages».

«Oblivion» ist eine Augenweide …

Hollywood blickt dem Kinostart von «Oblivion» darum mit einer gewissen Skepsis entgegen. Zumal der Science-Fiction-Streifen nicht von Tom Cruise, sondern Hollywood-Neuling Joseph Kosinski produziert wurde. Dieser hat zwar als Regisseur von «Tron: Legacy» vor drei Jahren sein Händchen für visuell berauschende Stoffe bewiesen. Doch als Produzent muss er sich in der Traumfabrik erst noch beweisen.

«Oblivion» macht leider nur auf den ersten Blick Eindruck. Der Look des Films mit seinem ausgefeilten Produktions-Design ist eine Augenweide. Das visuelle Konzept profitiert enorm von der Detailbesessenheit, mit der Joseph Kosinski seinen eigenen Stoff verfilmt hat. Ursprünglich hätte aus seiner Dystopie eine Graphic Novel werden sollen. Doch dann wurde der graphische Alleskönner Kosinski überraschend als Regisseur für «Tron: Legacy» engagiert, sein Sci-Fi-Comic wurde darum nie fertiggestellt.

… die schnell vergessen sein wird

Wenn «Oblivion» nun als «Comic-Verfilmung» verkauft wird, ist das also nur bedingt richtig. Schwerer als dieser Etikettenschwindel wiegt allerdings, dass sich unter der wohlgeformten, kalten Oberfläche des Films nur ein halb-durchdachter Story-Twist, kein innovativer Science-Fiction-Plot verbirgt. «Oblivion» wird im Meer der Hochglanz-Produktionen darum schon bald vergessen sein. 

Um sich bei anderen Hollywood-Produzenten als zugkräftiger Star in Erinnerung zu rufen, wird Tom Cruise somit ein anderes Gefährt brauchen, als dieses lahme Action-Vehikel.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Hintergrund: Tom Cruise

    Aus Box Office vom 7.4.2013

    Lange Zeit galt Mr. «Top Gun» als Hollywoods Wunderwaffe. In der Rolle des Action-Helden war Tom Cruise ein todsicherer Kassengarant. Doch das war einmal. Seit Flops wie «Knight and Day» verkaufen sich die Filme des Scientologen nicht mehr von selbst. Die Macher des neuesten Science-Fiction-Krachers «Oblivion» setzen dennoch ganz auf die Zugkraft von Tom Cruise als klassische Identifikationsfigur. Dabei hat der 50jährige längst bewiesen, dass er als Antiheld deutlich mehr zu bieten hat.

    Selim Petersen