Regisseurin Sally Potter: «Filmemacher sind Zeitreisende»

Sally Potter ist eine Grösse des unabhängigen britischen Filmschaffens. «Box Office» traf die quirlige Regisseurin zu einem Gespräch über ihren neuen Film «Ginger & Rosa» und das Leben in den 60er-Jahren.

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Sally Potter: «Filmemacher sind Zeitreisende»

0:43 min, vom 14.4.2013

«Box Office»: Frau Potter, Ihr neuer Film «Ginger & Rosa» handelt von zwei Teenagern zur Zeit der Kuba-Krise. Was interessiert Sie so am Jahr 1962?

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Sally Potter

Mit ihrem ersten Film «Orlando» sorgte Sally Potter 1992 für Furore. Virginia Woolfs gleichnamiger Roman galt als unverfilmbar. Potter bewies das Gegenteil und machte zudem ihre Hauptdarstellerin Tilda Swinton zum Star. Mit «Rage» gelang ihr 2009 ein weiteres filmisches Novum: Ein experimenteller Film, der für das iPhone produziert wurde.

Sally Potter: Zur Zeit der Kuba-Krise war ich zwar erst zwölf, aber ich spürte genau, was um mich herum lief und ich war schon als Kind bei den Friedensmärschen mit dabei. Die Menschen waren immer noch dabei, sich vom Zweiten Weltkrieg zu erholen. Man konnte spüren, wie sich die Gesellschaft veränderte. Die sexuelle und soziale Revolution war im Anmarsch, die Familienstrukturen veränderten sich. All das geschah mitten im Kalten Krieg. Man lebte im Schatten einer nuklearen Apokalypse. In meinem Film zeige ich das anhand der Gefühle und Gedanken zweier heranwachsender Mädchen. So spiegelt sich das Äussere im Inneren, denn nicht nur in der Weltpolitik, auch im Kleinen gab es gegenseitiges Misstrauen und den Zerfall von Beziehungen.

Wie autobiographisch ist «Ginger & Rosa»?

Im Film stecken viele eigene Erinnerungen und Beobachtungen, aber auch viel Fiktion. Es sind keine Memoiren und ich wollte nie meine eigene Geschichte erzählen. Diese Geschichte sollte wahr sein, aber in einem fiktionalen Sinn des Wortes «wahr», also authentisch.

Abgesehen vom Kalten Krieg stellt man sich die 60er Jahre doch eher als die «Swinging Sixties» vor. Ist das für Sie kein Thema?

Obwohl ich in den 60er-Jahren erwachsen wurde, hatte ich immer das Gefühl, die Party fand an einem andern Ort statt. Ich glaube, da bin ich nicht allein. Einiges, was wir über die 60er-Jahre zu wissen glauben, ist ein Mythos, eine Art Fiktion.

Wären Sie in einer anderen Dekade aufgewachsen, hätten Sie dann andere Filme gemacht? 

Sally Potter steht auf dem roten Teppich, dementlang die Fotografen dicht gedrängt stehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Ich hatte immer das Gefühl, die Party fand an einem anderen Ort statt» – Sally Potter über die 60er-Jahre. Reuters

Eigentlich fühle ich mich an keine spezifische Zeitspanne gebunden. Als Autorin, als Filmemacherin wird man zur Zeitreisenden. Mein Film «Orlando» umspannt über 400 Jahre und ich spürte diese unendliche Kette von Zeit und Erfahrung, in der mein eigenes Leben ein kurzes «Jetzt» bedeutet. Trotzdem hat mein Schaffen klare Einflüsse der 50er- und 60er-Jahre. Bewegungen wie die französische «Nouvelle Vague» oder «The American Underground Cinema» gaben mir die Lust, neue Wege zu entdecken, zu experimentieren. Das hat mein filmisches Schaffen enorm beeinflusst. Die jungen Filmemacher von heute möchten kommerziell erfolgreich sein. Sie suchen nicht nach einer neuen Filmsprache, nach neuen Ideen. Ihnen fehlt dieses aufregende und begeisternde Umfeld, in dem ich mich als junge Filmemacherin befand.

Interessanterweise ist «Ginger & Rosa» ein konventionell erzählter Film...

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Sally Potter: Filmografie

2012: Ginger & Rosa
2009: Rage
2004: Yes
2000: The Man Who Cried
1997: The Tango Lesson
1992: Orlando
1983: The Gold Diggers

Ich würde den Film nicht konventionell nennen. Für jemanden wie mich ist eine lineare Erzählweise ganz schön unkonventionell, meinen Sie nicht? Waren meine bisherigen Filme immer so konzipiert, dass sie Grenzen sprengen, so wollte ich mich bei «Ginger & Rosa» voll und ganz auf die komplexe und delikate Verbindung zwischen dem äusseren und dem inneren Leben konzentrieren. Eine experimentelle Erzählweise würde zu sehr davon ablenken.

Sie gelten als feministische Filmemacherin …

Ich bin weder glücklich über diese Bezeichnung, noch ärgert sie mich. Ich verweigere mich ganz einfach jeglicher Benennung, die mit «–istin» endet. Ganz einfach aus dem Grund, weil meiner Meinung nach kein Film das Sprachrohr für eine Ideologie oder eine politische Bewegung sein darf.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Ginger & Rosa» (GB/DK/CDN/HR 2012)

    Aus Box Office vom 7.4.2013

    «Ginger & Rosa» erzählt von zwei unternehmungslustigen Teenagern, die alles gemeinsam machen und sich dann binnen kurzer Zeit weit voneinander entfernen. Während die eine, die Liebe zum anderen Geschlecht für sich entdeckt, wird die andere in der Zeit der Kuba-Krise zur politischen Aktivistin. Grossartig sind die Bilder, die perfekt das Feeling der frühen sechziger Jahre vermitteln. «Ginger & Rosa» ist ein gekonnt inszeniertes Drama, das man nicht verpassen sollte. - Regie: Sally Potter

    Bernhard Koellisch