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Film & Serien «The Assassin»: Schöner Töten mit Chinas kultiviertester Killerin

Der Titel lässt an Mord und Totschlag denken. Die Etikettierung als Martial-Arts-Film verstärkt den Eindruck. Wer mit dieser Erwartungshaltung ins Kino geht und Regisseur Hou Hsiao-Hsien nicht kennt, dürfte überrascht werden. Ob positiv oder negativ, bestimmt das eigene ästhetische Fassungsvermögen.

Legende: Video Im Kino: «The Assassin» abspielen. Laufzeit 02:48 Minuten.
Aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 08.06.2016.

China, im frühen 9. Jahrhundert: Die ritterlich-elegante Kämpferin Nie Yinniang tut, wozu sie seit frühester Kindheit im Kloster ausgebildet wurde. Sie tötet – fast lautlos und mit kühler Präzision. Doch eines Tages ändert sich alles: Sie schreckt davor zurück, einen Fürsten umzubringen, der ein kleines Kind in den Armen hält. Ihre Mentorin, eine Nonne, denkt sich daraufhin eine besonders schwierige Aufgabe für die grazile Killerin aus. Nie Yinniang nächstes Zielobjekt ist der Mann, den sie ursprünglich heiraten sollte: ihr geliebter Cousin. Der innere Kampf der Heldin zwischen Pflicht und Mitgefühl geht damit in die entscheidende Runde.

  • 1. Das stärkste Zitat

    Schauspielerin Shu Qi als Auftragsmörderin Nie Yinniang, auf einem gewölbten Ast stehend.
    Legende: Eine Naturgewalt: Shu Qi als elfenhafte Auftragsmörderin Nie Yinniang. Filmcoopi

    Worte sind ein rares Gut in diesem Film. Umso mehr Gewicht besitzen die wenigen Sätze, die gesprochen werden. Am besten gefällt uns, wie Nie Yinniangs Auftraggeberin mit eiserner Härte versucht, die zaudernde Killerin zurück auf Kurs zu bringen: «Deine Fähigkeiten sind beispiellos. Doch dein Geist ist die Geisel deiner Gefühle. Der Weg des Schwertes kennt kein Mitgefühl!»

  • 2. Der Regisseur

    Regisseur Hou Hsiao-Hsien beim Photo-Call im Mai 2015 in Cannes.
    Legende: Mehrfach preisgekrönt: Regisseur Hou Hsiao-Hsien, hier in Cannes im Mai 2015, kurz vor der Premiere. Reuters

    Als Arthouse-Regisseur Hou Hsiao-Hsien ankündigte, ein Martial-Arts-Movie zu drehen, hat sich die Welt zunächst mächtig gewundert. Schliesslich ist der Taiwanese für seinen kontemplativen Minimalismus bekannt, während Kampfkunst-Filme meist nur so vor spektakulären Spezialeffekten strotzen. Andererseits scheinen alle grossen Regisseure des chinesischen Kulturkreises früher oder später einen «Wuxia»-Film, sprich: ein kampfbetontes Abenteuer inszenieren zu wollen. Nach Ang Lee, Zhang Yimou, Chen Kaige und Wong Kar-Wai hat jetzt also auch Hou Hsiao-Hsien dieser Tradition gehuldigt. Auf den Applaus musste der Festival-Stammgast, der 2007 in Locarno den Ehrenleoparden gewonnen hatte, nicht lange warten: Bereits wenige Tage nach der Premiere von «The Assassin» wurde er in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

  • 3. Fakten, die man wissen sollte

    Schauspielerin Shu Qi als Auftragsmörderin Nie Yinniang, der Kamera entgegenschreitend.
    Legende: In der Ruhe liegt die Kraft: Die Filmheldin in einer von vielen Szenen, in denen kein Wort fällt. Filmcoopi

    Hauptdarstellerin Shu Qi hat bei Hou Hsiao-Hsien, dem Vater der taiwanesischen Neuen Welle, einen Stein im Brett. Schon drei Mal durfte die 40-Jährige in Spielfilmen ihres gefeierten Landsmannes mitwirken. Stets zog die bildhübsche Schauspielerin dabei alle Blicke auf sich: als Drifterin im Drama «Millennium Mambo» (2001), gleich in drei verschiedenen Parts im Liebesreigen «Three Times» (2005) und nun als 23-jährige Killerin im «Wuxia»-Film «The Assassin» (2015). Dass sie während des Drehs schon 16 Jahre mehr auf dem Buckel hatte, als es die Rolle vorsah, fiel angesichts ihrer Grazie nicht ins Gewicht. Zumal Regisseur Hou Hsiao-Hsien auf Grossaufnahmen verzichtete, die etwaige Falten auf Leinwandgrösse aufgeblasen hätten.

  • 4. Das Urteil

    Grossaufnahme von Nie Yinniangs Gesicht, das so nah im Film nie zu sehen ist.
    Legende: So nah wie hier kommen wir im Film Nie Yinniang nie. «The Assassin» kommt ohne Grossaufnahmen aus. Filmcoopi

    Ein Film ganz ohne Gesichter in Grossaufnahme? Ein asiatisches Kampfkunst-Abenteuer ganz ohne übermenschliche Kung-Fu-Kapriolen? Geht das überhaupt? Ja und wie! Statt mit beschleunigter Montage erzählt Hou Hsiao-Hsien in wunderbar poetischen Tableaus von Tradition, Pflicht und Liebe. Die Landschaftsbilder erinnern an klassische chinesische Malerei und spiegeln eine mythische Welt wider, die bezaubert, ohne ins Phantastische abzugleiten. Bemerkenswert dezent und wirkungsvoll zugleich ist auch die Tonspur: Einfache Kompositionen verdichten Wind-, Wasser- und Tiergeräusche zu einem atmosphärischen Naturmurmeln. Formal ist «The Assassin» kaum zu toppen. Trotzdem werden nur diejenigen den Kinosaal zufrieden verlassen, die für Hsiao-Hsiens Ästhetik empfänglich sind. Wer dagegen, vom Mainstream konditioniert, gedanklich von Szene zu Szene hetzt, wird tausend Tode sterben – und das Ganze nicht unendlich schön, sondern schön langweilig finden.

Kinostart: 9.6.2016

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