«Une famille à louer» – Reicher Neurotiker mietet arme Familie

Es gibt Filme, da reicht der Titel, um zu ahnen, wie der Hase läuft. Jean-Pierre Améris‘ neuste Komödie ist ein solcher Film. Wir wissen von Beginn weg: Hier möchte jemand eine Familie mieten. Warum erfahren wir in den ersten Filmminuten: Ein schwermütiger Millionär will raus aus seiner Einsamkeit.

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Filmstart diese Woche: «Une famille à louer»

2:55 min, vom 20.4.2016

«Mitten im Sturm ist sie eine Insel des Friedens.» Die alleinerziehende Violette trägt dick auf, als sie von einem TV-Reporter gefragt wird, was ihr die Familie bedeutet. Das muss die resolute Dame auch. Schliesslich steht sie vor Gericht. Man will ihr die Kinder wegnehmen. Weil die verschuldete Frau mit einem gestohlenen, tiefgefrorenen Huhn einen Sicherheitsmann k.o. geschlagen hat.

Der steinreiche Paul-André, der das Ganze allein vor seinem Fernseher verfolgt, ist beeindruckt. Für ihn ist die Frau nicht eine potenzielle «Totschlägerin», sondern die einzige Person, die ihn aus seiner Einsamkeit befreien kann. Also macht er ihr ein ungewöhnliches Angebot: Er tilgt ihre Schulden, damit Violette die Kinder behalten darf. Als Gegenleistung verlangt der sozial Isolierte drei Monate Familienleben. Um herauszufinden, ob ihn das kleine Glück glücklich macht.

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      Das stärkste Zitat
      Pierre-André (Benoît Poelvoorde) macht Violette (Virginie Efira) ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Ein unmoralisches Angebot? Pierre-André bietet Violette Geld für etwas Familienglück. Filmcoopi

      «Der ist doch krank im Kopf!» Violette sagt Paul-Andrés Butler klipp und klar, was sie von dessen Chef hält. Gleichzeitig weiss sie ganz genau: Das Angebot des reichen Einzelgängers abzulehnen, wäre noch viel verrückter. Darum nimmt sie es widerwillig an. Unter drei Bedingungen. Erstens: Die Kinder dürfen nichts vom Deal erfahren. Zweitens: Paul-André muss den Kids vorgaukeln, er und Violette seien verliebt. Drittens: Gewohnt wird nicht in der Villa des Millionärs, sondern im baufälligen Zuhause der Unterschichtsfamilie.

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      Der Regisseur
      Regisseur Jean-Pierre Améris gibt Virginie Efira und Benoît Poelvoorde Anweisungen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Der Franzose Jean-Pierre Améris (links) instruiert auf dem Set seine zwei belgischen Stars (rechts). Filmcoopi

      «Une famille à louer» ist bereits Jean-Pierre Améris’ zehnter Kinofilm, allerdings erst seine zweite Komödie. 2010 glückte dem französischen Autorenfilmer mit «Les émotifs anonymes» ein überraschender Publikumshit. Im Zentrum standen damals ein Mann und eine Frau, die beide so emotional sind, dass sie ihren Alltag kaum bewältigen können. Regisseur Améris will seine Liebeskomödien angesichts der eigenen romantischen Ader als «sehr autobiografische Filme» verstanden wissen. Um sich ein Bild vom Gefühlsleben des 54-Jährigen zu machen, reicht folglich ein Blick auf die Protagonisten seiner Komödien: Verklemmte Neurotiker mit Herz, die jeweils von Benoît Poelvoorde, der belgischen Antwort auf Bill Murray, gespielt werden.

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      Fakten, die man wissen sollte
      Die bunte Patchwork-Familie am Frühstücktisch, mitsamt dem neuen Familienoberhaupt. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Gewisse Dinge kann man nicht kaufen. Eine Familienidylle zum Beispiel. Oder doch? Filmcoopi

      Jean-Pierre Améris’ neuste Komödie ist ein lupenreiner «High concept film». So werden Filme genannt, die sich wegen ihrer konzeptuellen Klarheit besonders gut vermarkten lassen. Die Story besteht aus einem leicht verständlichen Was-wäre-wenn-Szenario, das sich jedem in wenigen Worten erschliesst. Hollywood hat diese Art des Filmemachens in den 70er Jahren geprägt und in der Folge immer weiter auf die Spitze getrieben. Inzwischen genügt für die Inhaltsbeschreibung oft schon der Titel: «Snakes on a Plane» ist ein gutes Beispiel: Was, wenn Schlangen im Flieger ausbüchsen würden! Doch nicht nur die Amis pflegen die Kunst der plakativen Prägnanz. Auch die Franzosen setzen – besonders bei Komödien – gerne auf Konzepte, die sich rasch vermitteln lassen. «Une famille à louer» weckt sofort die gewünschte Assoziation: Was, wenn jemand den irren Wunsch hätte, eine Familie zu mieten!

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      Das Urteil
      Paul-André (Benoît Poelvoorde) und Violette (Virginie Efira) diskutieren vor ihrer Rostlaube im Wald. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Einsame Herzen, gefangen in den Konventionen einer Reissbrett-Komödie. Filmcoopi

      Kontaktarmer Neurotiker mit reichlich Kohle macht sexy Mama mit reichlich Schulden ein unmoralisch klingendes Angebot. «Une famille à louer» ist eine Konzept-Komödie für Kinogänger, die gerne genau das kriegen, was der Titel verspricht. Der kalkulierte Witz entsteht aus den feinen und bisweilen nicht ganz so feinen Unterschieden zwischen den gesellschaftlichen Milieus. Ebenso absehbar ist die Tatsache, dass der Feelgood-Film nur am Rande Sozialkritik betreibt. Trotz munter wachsender Wohlstandsschere geht es Regisseur Jean-Pierre Améris nicht wirklich um die gewünschte Solidarität verschiedener Klassen. Stattdessen steuert er unbekümmert gradlinig und enttäuschend ideenlos auf ein Happy End zu, das nicht einmal Liebhaber von Reissbrett-Romanzen vom Hocker reissen wird.

Kinostart: 21.04.2016