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5 Fragen an Reetta Huhtanen
Aus SRF Kultur vom 10.04.2019.
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Visions du Réel «Wenn du an Gott glaubst, bist du verrückt»

Im faszinierenden Dokumentarfilm «Aatos ja Amine» philosophieren kleine Kinder über die ganz grossen Fragen.

«Weisst du, wer der Sohn Gottes ist?» fragt der sechsjährige Aatos seinen Freund Amine, der Moslem ist. Dieser antwortet: «Das ist Jesus, aber das stimmt nicht.» Aatos: «Doch. Er existiert.»

Amine: «Ich sage, er ist es nicht. Er ist nicht Gottes Sohn, er ist ein Prophet.» Aatos: «Ich kenne die Kinder Gottes.» Amine: «Nein. Denn die Araber wissen alles besser. Die Araber kennen die wahre Geschichte.» Aatos: «Warum?» Amine: «Ich weiss es nicht.»

Zwei Jungs.
Legende: Amine (links) und Aatos wohnen im Brüsseler Quartier Molenbeek. Zone2 Pictures

Im Dokumentarfilm «Aatos ja Amine» philosophieren die Kinder über die ganz grossen Fragen. Beide wohnen im selben Wohnblock im Brüsseler Quartier Molenbeek.

Aatos Eltern sind nicht religiös. Seine Mutter ist Finnin, sein Vater Chilene. Ein Stockwerk unter Aatos lebt Amine. In seiner Familie spielt Religion eine wichtige Rolle. Regelmässig betet er mit seinem Vater zu Hause und in der Moschee.

Molenbeek

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Molenbeek ist ein Brüsseler Quartier, das bekannt ist für seine multikulturellen Bewohner. Es gibt viele Moscheen, Halal-Metzger, aber auch zahlreiche Galerien, Ateliers und Musikstudios. Schlagzeilen machte Molenbeek vor allem im Zusammenhang mit den Pariser Terroranschlägen 2015. Einer der mutmasslichen Haupttäter wurde in diesem Quartier verhaftet – 4 Tage vor dem Terrorangriff in Brüssel.

Kinder kennen keine Vorurteile

zwei Knaben am Boden
Legende: Im Leben von Amine (vorne) spielt Religion eine wichtige Rolle. Aatos würde auch gerne an einen Gott glauben. Zone2 Pictures

«Aatos ja Amine» zeigt, wie selbstverständlich die Kinder über fundamentale Fragen debattieren. Obwohl sie oft nicht dieselbe Meinung teilen, respektieren sie die Sicht des anderen.

Regisseurin Reetta Huhtanen erzählt im Interview, dass ihre Schwester sie auf die Idee brachte, den Dokfilm zu drehen. Die Schwester ist die Mutter von Aatos und lebt in Belgien.

Sie erzählte der Regisseurin, dass der Kleine eines Tages nach der Schule weinend nach Hause kam. Der Grund: Flo, seine Freundin aus der Schule, habe gesagt, dass es keinen Gott gäbe.

Nichts inszeniert

Porträt Frau
Legende: «Aatos ja Amine» ist Reetta Huhtanens erster langer Dokumentarfilm. Zone2 Pictures

Die finnische Regisseurin reiste daraufhin nach Brüssel. Sie begleitete Aatos und seine Freunde sechs Monate lang mit der Kamera. Es ist erstaunlich, wie natürlich die Kinder über Gott sprechen – und damit verbunden auch über philosophisch-religiöse Themen wie das Leben nach dem Tod.

Ein Beispiel: Der folgende Dialog zwischen Aatos und seiner Freundin Flo beim Holzsammeln. Flo: «Wenn du an Gott glaubst, dann bist du verrückt.» Aatos: «Warum?» Flo: «Die, die an Gott glauben, sind verrückt geworden.» Aatos: «Warum?» Flo: «Sie glauben so stark an Gott, dass sie es allen erzählt haben. Und dann sind all diese Menschen verrückt geworden.»

Knabe mit Zeitung in der U-Bahn.
Legende: Flo ist Aatos Freundin aus der Schule. Sie glaubt nicht an Gott. Zone2 Pictures

Regisseurin Reetta Huhtanen beteuert, dass keiner dieser Dialoge inszeniert ist. «Die Kinder sprechen natürlich nicht die ganze Zeit über solche Themen. Aber ich habe ihnen nicht gesagt, sie sollen jetzt über dies oder jenes sprechen.»

Terroranschlag Brüssel

Knabe Porträt
Legende: Die Attentate in Brüssel fanden während den Dreharbeiten statt. Zone2 Pictures

Während den Dreharbeiten kam es 2016 in Brüssel zu zwei religiös motivierten Terroranschlägen, zu denen sich der sogenannte Islamische Staat bekannte.

Der Dokumentarfilm thematisiert diese Attentate – ohne die Bilder des Schreckens zu zeigen. Während aus dem Radio die Nachricht des Anschlags zu hören ist, sieht man Aatos spielen. «Die Idee war es, alles aus der Perspektive der Kinder zu zeigen», erklärt Reetta Huhtanen.

«Wenn irgendwas um sie herum passierte, haben wir die Kamera fix auf die Kinder gehalten und absichtlich nicht gezeigt, was sie sehen. Wir wollten die Reaktion der Kinder einfangen.»

Erwachsene können etwas lernen

zwei jungs sitzen im gras
Legende: Aatos (links) und Amine sind beide 6 Jahre alt und beste Freunde. Zone2 Pictures

«Aatos ja Amine» ist ein schöner Dokumentarfilm über kindliche Neugier, Toleranz und die Suche nach einem Gott. Keine Angst vor fremden Kulturen und ein respektvoller Umgang mit Andersdenkenden

Von dieser Offenheit können sich die Erwachsenen eine Scheibe abschneiden. «Angst ist ein Fehler, der Ärger verursacht», sagt die sechsjährige Flo. Ein weiser Satz, den man sich merken sollte.

Das Visions du Réel findet vom 05.04.-13.04.19 in Nyon statt.