Von Scott bis Noé: Die Highlights am Filmfestival Toronto

Vom Gangsterfilm bis zum rührenden Drama: Fünf Kinofilme vom Filmfestival Toronto, dem selbsternannten «Festival of Festivals», die kein Kinoliebhaber diesen Herbst verpassen darf.

Das Toronto International Film Festival (TIFF) gilt in der Filmbranche als Startschuss für das Oscar-Rennen. In den letzten zehn Jahren nahmen acht Oscargewinner der Kategorie «Bester Film» am TIFF teil. Für Filmeinkäufer hat Toronto das Filmfestival Venedig deshalb nicht nur in den Schatten gestellt, sondern fast vollständig abgelöst. Folgende TIFF-Filme müssen sich Cineasten ganz oben auf die Liste ihrer Kinobesuche setzen:

    • 1.
      «Eye in the Sky» (Regie: Gavin Hood)
      Helen Mirren im Camouflage-Anzug. Sie telefoniert. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Colonel Michelle Madden (Helen Mirren) kommandiert eine Drohnenoperation in Nairobi. Ihr Ziel. Terroristen aufspüren. Entertainment One

      Nur selten schafft es ein Film, gleichzeitig zu unterhalten und eine ernsthafte Fragestellung zu erörtern. «Eye in the Sky» zeigt einen beinahe intellektuellen Diskurs über die Schwierigkeit, im Krieg moralisch korrekte Entscheide zu treffen. Dies tut der Film mit einer Geschichte, die dem Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute den Atem raubt. Derzeit steht noch kein Datum für den Schweizer Kinostart fest.

    • 2.
      «The Martian» (Regie: Ridley Scott)
      Matt Damon in einer Sandlandschaft. Er ist ein Astronaut. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Zurückgelassen auf dem Mars: Matt Damon spielt «The Martian». 20th Century Fox

      Fans von Ridley Scott befürchteten nach «Prometheus» schon dessen frühzeitige Pensionierung vom Science-Fiction-Genre. Jetzt ist der «Alien»- und «Blade Runner»-Regisseur in gewohnter Brillanz zurück. Sein Epos über einen zurückgelassenen Astronauten, der 400 Tage alleine auf dem Mars überleben muss, ist ein visuelles, dramaturgisches und dank Matt Damon schauspielerisches Meisterwerk. Der Film startet am 8. Oktober in den Schweizer Kinos.

    • 3.
      «Legend» (Regie: Brian Helgeland)
      Zwei Männer im Anzug in einer dunklen Umgebung. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: In einer fulminanten Doppelrolle: Tom Hardy spielt die Zwillingsbrüder Ronnie and Reggie Kray. Impulse Pictures

      Tom Hardy spielt in einer Doppelrolle die Zwillingsbrüder Reggie und Ronnie Kray. Die beiden berühmt-berüchtigten Gangster regierten das East End in London in den 1950er- und 60er Jahren. Wer den begnadeten Schauspieler noch nicht zu den besten der Welt zählt, erhält mit «Legend» eine weitere Chance, sein Weltbild zu korrigieren. Leider muss sich das Schweizer Publikum entweder bis zum Kinostart am 31. Dezember gedulden – oder nach England fliegen.

    • 4.
      «Love» (Regie: Gaspar Noé)
      Ein Mann und eine Frau im Bett. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Ein skandalöser Film, der in seinen stillen Momenten überzeugt: «Love». Alchemy

      Bevor Regisseur Gaspar Noé einen Oscar erhält, wird der Papst heiraten. Trotzdem sollte jeder Cineast sein Schaffen kennen. Sein neuer Film «Love» wird in den Medien leider nur wegen den skandalösen Pornoszenen und den schlechten Schauspielern diskutiert. Dazwischen – vom Medienskandal überdeckt – zeigen stille Momente Noés visuelles Genie. Er zeigt eine Verführungsszene in einer Diskothek. Kein Wort wird gesprochen, kein Text eingeblendet. Die Geschichte wird nur über die Lichtgestaltung erzählt und bleibt für immer im Gedächtnis. Ein Schweizer Kinostart steht noch nicht fest.

    • 5.
      «Ya Tayr El Tayer» («The Idol») (Regie: Hany Abu-Assad)
      Ein Junge sitzt auf einem Trümmerhaufen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Überwältigend: Qais Atallah überzeugt in seiner Rolle als stimmlicher Friedensstifter. TIFF

      Regisseur Hany Abu-Assads Film basiert auf der wahren Geschichte des «Arab Idol»-Gewinners Mohammad Assaf. Das hoffnungsvolle Drama eines Buben im Gazastreifen, der mit seiner Stimme die Welt verändern und Frieden stiften will, erwärmt selbst die eisigsten Herzen. Dafür sorgen die überwältigende Performance und der ewige «Jö-Effekt» des Jungschauspielers Qais Atallah. Die vergossenen Tränen lassen einen schliesslich auch das etwas misslungene Ende verzeihen. Ein Schweizer Kinostart steht noch nicht fest.

Weitere TIFF-Highlights

Einen Ehrenplatz erhalten die Schauspieler Ben Forster für seine Performance als Doping-König Lance Armstrong in «The Program» und Eddie Redmayne für die Darstellung der ersten Transgender-Frau, die sich einer chirurgischen Geschlechtsumwandlung unterzog in «The Danish Girl».

Johnny Depp fällt auf mit seinem Mut zur Hässlichkeit im Biopic «Black Mass» über den US-Gangster James Whitey Bulger, in dessen Rolle er vollständig verschwindet.

Regisseur Jean-Marc Vallée überzeugt mit seiner Dramedy über Trauer, Zerstörung und Neubeginn «Demolition». Regisseur Tom McCarthy erhält einen Ehrenplatz für sein Journalistendrama «Spotlight», das sich vor dem Vergleich mit dem Genreklassiker «All the President’s Men» nicht verstecken muss und die Verschwörung um Kindsmissbräuche in der katholischen Kirche aufdeckt.

Und last but not least erntet Michael Moore Lob, der mit seinem neuen Film «Where to Invade Next» Europa und Nordafrika eine Liebeserklärung ausstellt und die USA vergleichsweise in Spott und Hohn ertrinken lässt.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 21.09.2015, 06:02 Uhr.