Warum wir echtes Kino lieben

Der erste Film, das erste Date oder die erste Ahnung, dass gerade Filmgeschichte geschrieben wird: Zum Tag des Kinos erinnern sich fünf SRF-Redaktoren an persönliche, filmreife Kinoerlebnisse.

Im Nachtzug nach Paris

Junge Frau mit einem abgedeckten Auge. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Juilette Binoche in «Les amants du pont neuf». Gaumont International

Brigitte Häring: 1991 war ich 20. Ich war zwischen Schule und Studium, jobbte Teilzeit in einer Buchhandlung und ging jede Woche mehrmals ins Kino. Eines Abends besuchte ich mit einer Freundin und einem Freund eine 19-Uhr-Vorstellung: «Les amants du pont neuf» von Leos Carax.

Wir waren hin und weg, vom Film, von Juliette Binoche, von Denis Lavant, von der Musik und vor allem von Paris. So hin und weg, dass wir beschlossen, direkt nach Paris zu fahren – noch am selben Abend.

Alle drei eilten kurz nach Hause und um 23:30 Uhr trafen wir uns im Nachtzug nach Paris. Es waren zwei wunderbare, schräge, wilde Tage, die spontanste Reise, die ich je gemacht habe – dank den «Amants du Pont Neuf».

Gabi gegen den weissen Hai

Mann mit Zigarett im Mund schaut in die Kamera. Hinter ihm taucht ein Hai auf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mehr als spannend: «Jaws» jagte den Zuschauern einen gehörigen Schrecken ein. Universal Pictures

Patrick Bürgler: Sie hiess Gabi und ging in die Parallelklasse. Auf dem Pausenplatz hatten wir schon ein-, zweimal Blicke ausgetauscht. Das machte mir Mut, sie zu fragen, ob sie mit mir ins Kino gehen würde.

Der angesagteste Film, der gerade lief, hiess «Jaws» von einem jungen Hollywood-Regisseur. Soll spannend sein, hiess es. Mehr wusste ich nicht. Kümmerte mich auch nicht, denn Gabi hatte Ja gesagt.

Das war aufregend genug. Kino war ja nur der Vorwand, um sich näher zu kommen, wörtlich. So kam es denn auch: Gabi umklammerte bald mein Handgelenk in schierer Panik.

Anstatt cool meinen schutzbietenden Arm um sie zu legen, starrte ich gebannt auf die Leinwand. Brody, Quint und der Hai liessen mich Gabi vergessen.

Es blieb bei diesem einen Date mit Gabi. Aber es war der Anfang einer wunderbaren Kino-Freundschaft mit diesem jungen Regisseur namens Steven Spielberg, die bis heute andauert.

Nur die Erinnerung bleibt

Ein Affe steht zwischen einem Löwenpärchen und hält ein Löwenbaby im Arm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Der König der Löwen» hat die Zuschauer an die Kinostühle gefesselt und ihnen emotional einiges abverlangt. Disney

Ana Matijasevic: Wie üblich wusch er nach Feierabend seine Bauarbeiterhandschuhe im Spülbecken. Doch an diesem Tag hatte mein Vater etwas anderes im Sinn, als sich auf die Couch zu legen.

«Wir gehen ins Kino», sagte er zu meiner Schwester, meinem Bruder und mir. Wir freuten uns, waren aufgeregt, weil wir zum ersten Mal ins Kino durften. Und dann waren wir niedergeschlagen.

Wie eine frühere Generation um Bambis Mutter trauerte, weinten wir um Simbas Vater. «Der König der Löwen» riss uns mit wie die Flucht der Gnu-Herde, die den Löwenvater das Leben kostete. Doch das Happy End erheiterte uns wieder. Wir waren stolz auf unser kleines, gemeinsames Abenteuer.

Dass mein erstes Kinoerlebnis noch präsent ist, liegt nicht nur am Disney-Klassiker, auch das Kino selbst bleibt mir in Erinnerung. Es war ein traditionsreiches Kino an der Marktstätte in Konstanz und musste erst vor wenigen Monaten schliessen.

Nun gehört das «Scala» mit seiner leuchtenden Buchstabentafel der Vergangenheit an — und es folgt, anders als bei Simba, kein Happy End.

Die Erleuchtung aus der Dunkelheit

Western-Szene: Drei Männer stehen in der Einöde. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht jeder Film ist eine Erleuchtung. «Once Upon a Time in the West» war es definitiv. Paramount Pictures

Michael Sennhauser: Ich bin Filmjournalist, Filmredaktor. Das ist im Prinzip nicht mehr als die Verlängerung meiner persönlichen Passion ins Berufsleben hinein. Ein Glück, ganz unbestritten.

Aber worin liegt das Glück des Kinos? Es ist das Versprechen, das tausendfach gebrochen und tausendfach erfüllt, immer wieder neu abgegeben wird.

Wenn im Kinosaal das Licht ausgeht, wenn – wo vorhanden – sich der Vorhang vor der Leinwand öffnet, wenn der erste Lichtstrahl vom Projektor das Dunkel zerschneidet, dann ist alles möglich.

Dann spüre ich dieses Kitzeln im Bauch. Dann erhoffe ich mir die endgültige Erleuchtung, das ultimative Filmerlebnis, den ganz grossen Apfel vom Baum der Erkenntnis. Wenn im Kinosaal das Licht ausgeht, gibt es für Sekunden nur noch die Hoffnung.

Meist wird sie nicht erfüllt. Meist ist der Film ein Film, das Kinoerlebnis ein Frühstück: etwas Angenehmes, Lebenserhaltendes, Unspektakuläres.

Aber manchmal, ja manchmal, da folgt auf das Dunkel die grosse Erleuchtung, ein Film, der bleibt, der im Kopf und im Leben weiterleuchtet: «Idioterne» von Lars von Trier. «Under the Skin» von Jonathan Glazer.

Und damit erklingt das Echo früher Erleuchtungen: «Star Wars» (das Original), «Once Upon a Time in the West», ja selbst «Grease», mit John Travolta: Filme, die dem Teenager das Leben versprachen. Und zumindest einen Teil des Versprechens erfüllten.

Mamas grosse Überraschung

Annika Schmid: Mein Vater war auf der Arbeit, meine Schwester lag krank im Bett und meine Freunde waren in den Ferien. Draussen regnete es in Strömen und meine Wenigkeit wurde an jenem Tag acht Jahre alt.

Zeichentrick: Kleines gelbes Monster und ein Junge mit Baseball-Mütze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1999 war «Pokémon» das ultimative Kinoerlebnis für Kinder. Oriental Light and Magic

Geburtstage waren für mich heilig, und das wusste meine Familie. Es war 1999, das Jahr indem die Pokémons mein Leben dominierten. Mutter setzte alles daran, meinen grossen Tag zu retten.

Ich bekam ein Pokémon-T-Shirt und verschlang Schokoladenkuchen. Am späteren Nachmittag wollte meine Mama mich plötzlich mit zum Einkaufen nehmen. Ich wurde stinksauer.

Einkaufen? An meinem Geburtstag? Weinend sass ich im Auto. Als wir in der Stadt ankamen, musste sie mich aus meinem Sitz zerren. Humpelnd und trotzend lief ich ihr hinterher – bis wir vor einem Kino Halt machten. Draussen hing das Plakat des neuen Pokémon-Films. Ich strahlte über beide Ohren: Es war mein bester Kinobesuch aller Zeiten.