Neu im Kino Zuckersüss, diese Zucchini! Darum entzückt «Ma vie de Courgette»

Waisenkinder im Film? Hartes Brot. Puppenkino? Von gestern. Ein Held namens Zucchini? Doof. Stopp! Das Gegenteil stimmt.

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Filmstart diese Woche: «Ma vie de Courgette»

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RTS-Koproduktion

Radio Télévision Suisse (RTS) hat diesen Film koproduziert.

Eigentlich heisst er ja Icare. Doch genannt werden möchte er Courgette, was auf Deutsch Zucchini bedeutet. So rief ihn jeweils seine alkoholkranke Mutter. Nun ist sie tot und der Name Courgette eines der wenigen Dinge, die Icare aus seinem alten Leben mit ins Waisenhaus nimmt. Klingt tragisch, wird aber nicht so erzählt.

Der von Hand animierte Puppenfilm «Ma vie de Courgette» ist nicht am grossen Drama interessiert, sondern an den Fein- und Gemeinheiten des kindlichen Alltags.

    • 1.
      Das frechste Zitat
      Courgette steht mit seinen neuen Klassenkameraden im Schnee. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Die ganze Rasselbande (v.l.n.r.): Courgette, Ahmed, Camille, Jujube, Beatrice, Simon und Alice. Praesens

      Courgettes Empfang im neuen Schulzimmer ist durchwachsen. Obwohl die Lehrerin die Klasse dazu animiert, sind längst nicht alle nett zum neuen Kollegen. Rüpel Simon stellt zum Beispiel sofort den Sinn des Rufnamens Courgette (Zucchini) infrage: «Eigentlich erinnert mich sein Kopf eher an eine Kartoffel!»

    • 2.
      Der Regisseur
      Portraitbild von Claude Barras mit seinem blauhaarigen Helden Courgette. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Hat angesichts des Erfolgs gut lachen: Claude Barras mit seinem blauhaarigen Helden. SRF

      Grosse Ehre für den Walliser Bauernsohn Claude Barras: Der 44-jährige Filmemacher hat es mit «Ma vie de Courgette» in die Endauswahl für den Oscar geschafft. In der Sparte «Bester animierter Spielfilm» tritt «Courgette» unter anderem gegen die computergenerierten Disney-Produktionen «Zootopia» (alias «Zoomania») und «Moana» (alias «Vaiana») an. Weil der gelernte Hochbauzeichner Barras in diesem Kampf zwischen David und Goliath krasser Aussenseiter ist, kann er der Oscar-Nacht vom 26. Februar entspannt entgegenblicken. Da keiner mit seinem Sieg rechnet, ist eine Niederlage ausgeschlossen.

    • 3.
      Fakten, die man wissen sollte
      Claude Barras auf dem Set mit Courgette und Co. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Regisseur Barras ist sozial engagiert. Ein Jahr lang hat er in einem Heim mit Kindern gearbeitet. Keystone

      «Courgette» lässt das Kunststück, alle Altersklassen gleichermassen zu berühren, kinderleicht erscheinen. Dabei haben es Stop-Motion-Filme oft schwer, ein Publikum zu finden. Der Festivalhit «Anomalisa» wurde beispielsweise nur von Kritikern gefeiert, an den Kassen floppte er. Ebenfalls noch in Erinnerung: «Max und Co.» – die 30 Millionen Franken teure Stop-Motion-Produktion, mit der Filmchef Nicolas Bideau 2007 das Schweizer Kino reformieren wollte. Das Ergebnis: der grösste Flop der helvetischen Filmgeschichte. «Courgette» ist in Frankreich und der Romandie dagegen schon jetzt ein Publikumshit. Fragt man Regisseur Claude Barras nach dem Grund, pflegt er die Rolle von Chefanimatorin Kim Keukeleire hervorzuheben. Diese habe extrem viel Knowhow von ihren vergangenen Projekten mit Tim Burton, Nick Park und Wes Anderson mit aufs Set gebracht.

    • 4.
      Das Urteil
      Courgette mit seinem Mentor und seiner ersten Liebe namens Camille. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Der Puppenfilm erzählt auch von Courgettes erster Liebe. Ihr Name: Camille. Praesens

      Grosse Augen, kleine Gesten – «Ma vie de Courgette» ist ein ungemein seelenvoller Film, dem wir den Oscar von Herzen gönnen würden. Die Schweizer Stop-Motion-Perle setzt auf minimalistische Mimik – mit maximalem Effekt. Jedes Blinzeln strotzt vor Bedeutung. Kein künstlicher Zusatzstoff, kein überflüssiges Beigemüse schmälert den Sehgenuss. Darum schmeckt «Courgette» um Welten besser, als die fade Animationskost, die uns Hollywoods seit Jahren serviert.

Kinostart: 16.02.2017